
erschienen bei Penguin
Fünf ganz unterschiedliche Menschen in Tokio haben eines gemeinsam: Sie befinden sich in ihrem Leben in einer Sackgasse und suchen nach einem Weg hinaus. Sie alle landen in einer kleinen Bibliothek, wo ihnen die Bibliothekarin Frau Komachi bei der Literaturrecherche behilflich ist – und ihnen jeweils ein vermeintlich unpassendes Buch empfiehlt, das ihnen schließlich neue Perspektiven eröffnet.
„What You Are Looking for Is in the Library“, das im Original 2020 erschien und in Japan zum Bestseller wurde, besteht aus fünf Geschichten, in denen jeweils eine Figur im Mittelpunkt steht: eine junge Verkäuferin, die sich in ihrem Job fehl Platz fühlt; ein Buchhalter, der davon träumt ein Antiquitätengeschäft zu eröffnen; eine Mutter, die sich zwischen Familie und Job fast selbst verliert; ein arbeitsloser Künstler und ein Rentner, dem nun das Ziel im Leben fehlt. Manchmal gibt es kleine Querverbindungen zwischen den Erzählungen, aber im Wesentlichen stehen sie ganz unabhängig voneinander. Alle fünf Hauptfiguren sind unzufrieden mit ihrem Leben und stoßen mehr oder weniger durch Zufall auf die kleine Bibliothek. Sie sind auf der Suche nach Büchern, die ihnen konkret weiterhelfen, aber Frau Komachi schummelt jeweils ein Buch dazu, dass vermeintlich gar nicht passt.
Ich fand es sehr schön, wie dieses Buch ihnen dann den entscheidenden Denkanstoß liefert. Dabei geht es nicht unbedingt darum, dass sie dadurch nun endlich ihren Traum verwirklichen, sondern herauszufinden, wie dieser Traum von ihnen überhaupt aussieht. Deshalb ist ihr neuer Lebensweg dann oft ein anderer, als man zunächst denken würde. Und nicht immer führt die Lektüre zu einer neuen Richtung in ihrem Leben – manchmal ist es eher die Denkweise, die sich ändert. Dabei werden auch Fragen aufgeworfen, wie Menschen mit ihren Berufen umgehen und welchen Stellenwert Arbeit überhaupt hat.
Michiko Aoyama hat hier ein Wohlfühlbuch geschrieben, das aber stellenweise auch tiefgründige Themen behandelt. Manchmal scheint sich alles ein bisschen zu reibungslos ineinander zu fügen, aber der Eindruck entsteht vielleicht auch eher durch die ähnliche Struktur der Geschichten. Wenn man jede einzeln für sich betrachtet, ist der Verlauf durchaus realistisch – abgesehen von den nahezu prophetischen Empfehlungen der Bibliothekarin, die etwas magischen Realismus hineinbringen.
Mir hat das Buch sehr viel Freude gemacht. Bei einer Zusammenstellung einzelner Erzählungen besteht immer die Gefahr, dass man nicht überall gleichermaßen mitleben kann, aber das Problem hatte ich hier gar nicht. Zwar hätte ich am Ende einer Geschichte oft gern den Lebensweg der Hauptfigur noch weiterverfolgt, aber ich konnte auch in jede neue Geschichte wieder schnell hineinfinden. Das Konzept hinter dem Buch mag zwar schon etwas ausgetreten sein, aber ich finde, dass Michiko Aoyama die Themen rund um Selbstfindung, Verwirklichung von Träumen und zugleich doch auch einer gewissen Bodenhaftung sehr schön umgesetzt hat. Die Geschichten haben etwas motivierendes und inspirierendes, gleiten dabei aber nicht in die Richtung Selbsthilfebuch ab.
Eine sehr schöne und entspannte Lektüre, die für mich zu den Highlights des Jahres gehörte.
Ich hatte das Buch auch sehr genossen und denke immer mit Freude daran zurück. Wie du schon schriebst, ist jede Geschichte für sich gar nicht so abwegig. Ich fand es auch nett, dass die empfohlenen „aus der Reihe tanzenden“ Bücher theoretisch auch ein Versehen hätten sein können, dass aber allein das Nachdenken, warum gerade dieser Titel auf der Liste gelandet ist, die Personen schon wieder ein bisschen weitergebracht hat.
Ja, das stimmt. Man kann darüber spekulieren, ob sogar jegliches „aus der Reihe tanzende“ Buch zu einem entsprechenden Denkprozess geführt hätte. Ich habe es aber dann doch eher nicht als Versehen bzw. Zufall betrachtet. 😉