
erschienen bei Hörbuch Hamburg
ungekürzt; gelesen von Erich Räuker
„Früchte des Zorns“ erschien 1939 und spielt zur Zeit der Weltwirtschaftskrise in den 1930er-Jahren in den USA. Durch Dürren, daraus resultierenden Schulden und Zwangsräumen verloren viele Farmer damals ihre Existenz und zogen in Scharen nach Kalifornien in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Die Joads aus Oklahoma sind eine solche Farmerfamilie, die gen Westen aufbrechen, da es heißt, dass in Kalifornien dringend Arbeiter für Obstplantagen benötigt werden und man damit seinen Reichtum machen kann. Aber bald müssten sie feststellen, dass nur Ausbeutung und Armut auf sie warten.
Inzwischen ist es fast ein Jahr her, seit ich dieses Hörbuch gehört habe, aber ich möchte trotzdem noch eine Rezension dazu schreiben – und hoffe, dass ich die Details noch in meinem Kopf sortieren kann.
Der Roman beginnt damit, dass Tom Joad, der Sohn, vorzeitig aus dem Gefängnis entlassen wird, aber gleich gegen seine Bewährungsauflagen verstößt, als er mit seiner Familie Oklahoma verlässt. Das schwebt nun als ständige latente Bedrohung über der Familie, hindert Tom aber nicht daran, sich für die Rechte der Arbeiter einzusetzen. Er ist die zentrale Figur des Romans, aber auch einige andere Familienmitglieder und Menschen, die ihnen unterwegs begegnen, spielen eine wichtige Rolle. Hier sind besonders Ma Joad zu nennen, die die gesamte Familie zusammenhält, und der ehemalige Prediger Jim Casy, der sich für Solidarität und soziale Gerechtigkeit einsetzt.
Mir sind alle Figuren mir ihren Stärken und Schwächen sehr ans Herz gewachsen, aber ich finde, dass „Früchte des Zorns“ weniger charakterzentriert ist als andere Romane von John Steinbeck. Im Zentrum steht stattdessen die strukturelle Ausbeutung der Menschen als Folge eines entmenschlichten Wirtschaftssystems. Ein wesentliches Instrument dabei ist das bewusste Erzeugen von Arbeitsüberangebot. Verzweifelte Farmer aus dem mittleren Westen werden mit falschen Informationen nach Kalifornien gelockt, wo sie sich in einem harten Konkurrenzkampf wiederfinden. Dort werden die Löhne immer mehr gesenkt und den verzweifelten Menschen bleibt keine andere Möglichkeit als das hinzunehmen. Denn es finden sich immer genug Leute, die bereit sind für noch niedrigere Löhne zu arbeiten, da sie sonst schlicht verhungern würden. Jegliches Aufbegehren wird im Keim erstickt: Die Polizei schützt vor allem die Interessen der Großgrundbesitzer und schlägt Streiks brutal nieder.
John Steinbeck schildert diese Ereignisse einerseits konkret anhand der Joads, andererseits aber auch über Zwischenkapitel, die das Schicksal der Migranten allgemein schildern und zeigen, wie sehr das System auch anderen, wie etwa kleinen lokalen Händlern schadet.
„Früchte des Zorns“ ist ein unglaublich aufwühlendes Buch. Ich konnte beim Lesen diese völlige Ohnmacht gegenüber dem System spüren und die Wut und Hilflosigkeit sehr gut nachempfinden. Es gibt einzelne Lichtblicke – das ist einerseits die Menschlichkeit, die sich die Joads trotz allem bewahren, und die Solidarität, die doch immer wieder gegen alle Widerstände entsteht. Besonders hervorzuheben ist ein von der staatlichen Farm Security Administration betriebenes Camp, das der Familie zwischendurch eine Verschnaufpause verschafft. John Steinbeck schildert sehr eindrucksvoll, dass nur kollektives Handeln dazu führen kann das System zu durchbrechen – und wie deshalb von den Großgrundbesitzern eine gezielte Spaltung betrieben wird.
Letztendlich führt jeder Hoffnungsschimmer nur wieder zu einem neuen – und meist noch größeren – Rückschlag, was das Buch zu einer sehr schmerzhaften Lektüre macht. Trotzdem oder gerade deshalb halte ich „Früchte des Zorns“ für einen Roman, den jede und jeder lesen sollte. Viele der darin geschilderten Mechanismen wie Lohndumping durch ein Überangebot an Arbeitskräften und Migration aufgrund struktureller Ungleichheit sind leider heute noch immer relevant. Gleichzeitig verleiten die mittlerweile besseren Arbeitsverhältnisse zu dem Gedanken, dass Gewerkschaften und Arbeiterbewegungen inzwischen überflüssig geworden sind. Aber John Steinbeck zeigt eindrücklich, dass soziale Gerechtigkeit keine Selbstverständlichkeit ist und wie fragil letztendlich auch alle Errungenschaften in diesem Bereich sind.
Fazit: Ein großartiges und wichtiges Buch, das ich allen nur ans Herz legen kann. Es ist nicht immer eine angenehme Lektüre, aber es gibt auch viele warmherzige Szenen der Menschlichkeit und der Hilfsbereitschaft, die umso stärker zur Geltung kommen und auch jetzt, fast ein Jahr später, noch immer in mir nachwirken.