
erschienen bei Random House
Joan Goodwin ist eine leidenschaftliche Astrophysikerin und kann ihr Glück kaum fassen, als sie 1980 als eine der ersten Frauen für ein Space-Shuttle-Programm aufgenommen wird. Bei der NASA kämpft Joan mit den strukturellen Hürden einer männerdominierten Welt und gesellschaftlichen Erwartungen, hat aber trotzdem nur ein Ziel vor Augen: endlich selbst ins All fliegen zu dürfen. Doch sie hat nicht damit gerechnet, dass sie ihre große Liebe treffen würde – und dass damit alles noch komplizierter werden würde.
Mir ist vor kurzem eine Empfehlung zu diesem Roman untergekommen und da Raumfahrt eins meiner Nischen-Interessen bei Büchern und Filmen ist, wusste ich, dass das die richtige Lektüre für den Lesesonntag im Jänner sein würde. Und tatsächlich habe ich „Atmosphere“ an diesem Tag in einem Rutsch gelesen, weil ich so gefesselt war.
„Atmosphere“ hat als Hintergrund ein fiktives Space-Shuttle-Programm, das allerdings an tatsächliche Ereignisse angelehnt ist. Die erste Mission des Space-Shuttle-Programms der NASA startete 1981; 1983 war Dr. Sally Ride als erste Amerikanerin im Weltraum. Wie akkurat die technischen Hintergründe dargestellt werden, kann ich nicht beurteilen, aber ich finde, dass der Roman ein authentisches Gefühl für das Space-Shuttle-Programm vermittelt, ohne zu technisch zu werden. Das Training bei der NASA und Raumfahrt im Allgemeinen spielt eine große Rolle und man sollte wohl ein prinzipielles Interesse an diesen Themen mitbringen. Trotzdem stehen in „Atmosphere“ vor allem die Figuren im Mittelpunkt. Die emotionale Reise von Joan, ihre Familie und ihre beginnende Freundschaft (sowie Rivalität) mit den anderen Anwärtern und Anwärterinnen sind die zentralen Themen.
Da der Roman als Titelzusatz „A Love Story“ trägt, ist von Anfang an klar, dass auch Liebe eine große Rolle spielen wird. Konkret geht es um eine Liebe zwischen zwei Frauen, was damals bei der NASA für angehende Astronautinnen nicht geduldet wurde. Das führt für Joan zu einem großen Konflikt, wobei ich es gut fand, dass Taylor Jenkins Reid diesen nicht zu sehr in den Mittelpunkt stellt. Stattdessen legt sie das Hauptaugenmerk darauf, wie Joan langsam ihre Gefühle entdeckt und diese allmählich akzeptiert. Ihre Charakterentwicklung und die sehr ehrlichen Gespräche zwischen ihr und Vanessa haben mir sehr gut gefallen. Die Beziehung wirkt emotional sehr reif und authentisch und trotz der schwierigen Umstände wird (fast) kein unnötiges Drama hineingebracht.
Neben der Liebesgeschichte ist auch Joans enge Bindung zu ihrer Nichte Frances und die schwierige Beziehung zwischen Frances und ihrer Mutter sehr wichtig. Das gibt der Geschichte noch eine zusätzliche menschliche Tiefe und fügt sich außerdem schön in die restliche Handlung ein.
Sehr interessant fand ich auch noch den Aspekt, dass sich Joan und die anderen Anwärterinnen als Stellvertreterinnen für alle Frauen bei der NASA sehen. Ein Versagen von ihnen wäre mehr als nur ein persönliches Versagen, sondern würde die Meinung vieler bestätigen, dass Frauen in diesem Umfeld nichts verloren haben. Das übt einen großen Druck auf sie aus und führt dazu, dass Joan und Vanessa umso vorsichtiger sein müssen.
Mich hat „Atmosphere“ emotional so mitgenommen wie schon lange kein Buch mehr, inklusive einiger Tränen am Ende. Die Themen rund um Karriereträume, sexuelle Selbstfindung, Gleichberechtigung und Diskriminierung werden sehr sensibel und vielschichtig umgesetzt. Die Szenen rund um die Raumfahrt sind sehr spannend und haben mich ein wenig an „Apollo 13“ erinnert, was einer meiner Lieblingsfilme ist. Ich hatte vorher nicht viel Interesse an den Romanen von Taylor Jenkins Reid, aber anscheinend zu Unrecht. „Atmosphere“ ist für mich ein absolutes Highlight der letzten Jahre und ich kann mir gut vorstellen, den Roman künftig noch einmal zu lesen.