Rezensionen

Carys Davies – Ein klarer Tag

erschienen bei Bonnevoice Hörbuchverlag

1843 muss der verarmte Pfarrer John Ferguson einen Auftrag eines Großgrundbesitzers annehmen, um Geld zu verdienen. Er soll von einer kleinen Shetlandinsel den letzten Bewohner Ivar vertreiben, damit sein Auftraggeber hier lukrativer Schafe züchten kann. Doch gleich nach seiner Ankunft hat John einen Unfall und ist auf die Hilfe von Ivar angewiesen, was ihn in ein moralisches Dilemma bringt.

In letzter Zeit habe ich einige Zufallsfunde gelesen und das ist einer davon. Ich habe in der digitalen Bibliothek lediglich nach gerade verfügbaren Hörbüchern gesucht und bin so auf dieses gestoßen. Neugierig wurde ich vor allem, weil mich die Beschreibung ein wenig an „Consider the Lilies“ erinnerte, das mir sehr gut gefallen hatte. Auch „Ein klarer Tag“ hat als historischen Hintergrund die Highland Clearances, bei denen im 18. und 19. Jahrhundert in Schottland Farmpächter vertrieben wurden, um reichen Gutsherren die Schafzucht zu ermöglichen. Ein weiterer Umbruch, der hier thematisiert wird, ist die Abspaltung der neuen schottischen Freikirche von der „Church of Scotland“. Durch diese ist John Ferguson nun mittellos und muss sich auf eine heikle Mission begeben, die seine Ehefrau Mary mit großer Skepsis betrachtet.

Der Roman beginnt mit der Ankunft von John auf der Insel und wir erfahren die ganze Hintergrundgeschichte in Rückblenden. Abwechselnd aus der Sicht von John und Ivar schildert die Autorin, wie die beiden sich allmählich kennenlernen. Zunächst können sie sich kaum verständigen, da Ivar Norn spricht, eine mittlerweile ausgestorbene Sprache der Shetland- und Orkney-Inseln. Ich fand diese langsame und behutsame Annäherung der beiden Männer sehr schön beschrieben und mochte die ersten zwei Drittel sehr.

Dann entwickelte sich die Handlung aber in eine Richtung, die ich nicht besonders gut umgesetzt fand. Die inneren Konflikte von John und Ivar werden im Zuge dessen viel zu kurz abgehandelt und lösen sich schnell im Nichts auf. Auch das Ende fand ich überhastet und recht unglaubwürdig und so ließ mich das Hörbuch letztendlich ziemlich unbefriedigt zurück.

Ich möchte darauf gern näher eingehen, muss dazu aber die Handlung spoilern. Falls euch die Details interessieren, klickt auf „Spoiler“, damit ihr diese angezeigt bekommt:

Spoiler

Es gibt schon früh Andeutungen, dass sich John und Ivar zueinander hingezogen fühlen. Das gab der Geschichte erst einmal eine weitere interessante Ebene – bis sich die beiden Männer auch tatsächlich körperlich annähern. Nun bin ich in an sich ein großer Fan von queeren Liebesgeschichten, die wie selbstverständlich in die Handlung eingebettet werden. Hier aber fand ich die Umsetzung sehr unglaubwürdig. Dass John als Pfarrer des 19. Jahrhunderts seine Ehefrau mit einem Mann betrügt, ohne auch nur die geringsten Gewissensbisse zu haben oder einen inneren Konflikt zu erleben, passte für mich überhaupt nicht zu seinem Charakter. Und dass Mary am Ende gewissermaßen einem Leben zu dritt zustimmt, fand ich nicht nur unpassend für das zeitliche Setting, sondern auch in der Auflösung viel zu simpel. Denn nicht nur bei John und Mary werden jegliche etwaigen Konflikte einfach ausgespart, sondern auch Ivar, der sein ganzes Leben auf der Insel verbracht hat und an dieser mit seinem ganzen Herzen hängt, hat nicht die geringsten Probleme, nun seine Heimat zu verlassen. Dabei denke ich, dass es möglich gewesen wäre, dieses Ende stimmig und glaubwürdig umzusetzen. Aber dafür hätte es viel mehr Zeit und mehr Charakterentwicklung gebraucht. So war das wie eine Happy End mit dem Holzhammer.

Fazit: Eine interessante Idee und ein vielversprechender Beginn, aber leider macht das abrupte und unrealistische Ende jegliche Charakterentwicklungen und angedeuteten inneren Konflikte zunichte.

2 thoughts on “Carys Davies – Ein klarer Tag

  1. Ich habe mir den Spoiler anzeigen lassen, da ich nicht davon ausgehe, dass ich die Geschichte lesen werde, und muss dir zustimmen, dass solch eine Entwicklung doch ziemlich befremdlich wirkt, wenn die Zeit und der Hintergrund der Figuren in Betracht gezogen wird. Es muss auf jeden Fall einiges an Umdenken und „mit sich ringen“ passieren, bevor solche Personen überhaupt soweit aufeinander zugehen – würde ich zumindest behaupten. Oder mindestens einer der Protagonisten müsste einen ganz anderen Charakter haben, als ich es deiner Inhaltsbeschreibung entnehme …

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