Klassiker Rezensionen

Iain Crichton Smith – Consider the Lilies

erschienen bei Orion Publishing

 

Schottland im frühen 19. Jh.: Nachdem ihr Mann gestorben und ihr Sohn nach Kanada ausgewandert ist, führt die 70jährige Mrs Scott ein ruhiges, aber einsames Leben in den Highlands. Bis eines Tages ein Mann vor ihrer Tür steht, der ihr erklärt, dass ihr Haus, in dem sie ihr ganzes Leben verbracht hat, abgerissen wird, um Platz für Schafweiden zu schaffen.

 

Iain Crichton Smith, 1928 in Glasgow geboren, ist vor allem für seine englische und gälische Lyrik bekannt. 1968 veröffentlichte er die Novelle „Consider the Lilies“, die mittlerweile als schottischer Klassiker gilt. Hintergrund der Geschichte sind die Highland Clearances, bei denen vom späten 18. Jh. bis zum Ende des 19. Jh.s die ansässige Bevölkerung aus den schottischen Highlands vertrieben wurde, um Gusherren aus England und den schottischen Lowlands hier die Schafzucht zu ermöglichen.

Bei Smith geht es aber nicht vordergründig um die Clearances an sich, sondern vor allem um die Geschichte und Charakterentwicklung von Mrs Scott. Als alte und nicht sehr gebildete Frau, die sich ihr ganzes Leben lang (religiösen) Autoritäten unterordnete, ist sie eine etwas sperrige Protagonistin. Ich fand es beeindruckend, wie anschaulich Smith ihre Gefühlswelt darstellt. Gleich das erste Kapitel, als sie erfährt, dass sie ihr Haus verlassen muss, ist in der Hinsicht sehr faszinierend: Auf der einen Seite ist da der ungeduldige Patrick Sellar, der möglichst schnell die unliebsame Angelegenheit hinter sich bringen möchte, auf der anderen Seite ist da Mrs Scott, die von der Situation völlig überfordert ist und gar nicht versteht, wovon er spricht.

Dieses Machtgefälle sorgte dafür, dass ich sofort Sympathie und Verständnis für Mrs Scott hatte, obwohl man dann sowohl in Rückblicken als auch der gegenwärtigen Handlung merkt, dass es sich bei ihr um keine sehr liebenswerte Person handelt. Sie ist schnell dabei, die Menschen um sie herum zu be- und verurteilen (auch jene, die ihr nahestehen) und sie ist auf eine engstirnige Weise gläubig und unterwürfig. Als ihr klar wird, dass sie gerade von denen, zu denen sie bisher so ehrfürchtig aufgeschaut hat, keine Unterstützung zu erwarten hat und sie stattdessen Hilfe von unerwarteter Seite bekommt, führt sie das in eine Glaubenskrise. Sie wird gezwungen, nicht nur ihren Glauben, sondern auch ihre Moralvorstellungen und Vorurteile zu überdenken – und entwickelt sich dabei persönlich weiter. Es mag vielleicht nicht ganz realistisch sein, in was für einem kurzen Zeitraum das geschieht, aber alles andere hätte nicht zur Struktur dieser Geschichte gepasst.

Mrs Scotts Entwicklung führt dazu, dass das Buch mit einer positiven Note endet und man es mit einem guten Gefühl zuklappt. Nichtsdestotrotz wird deutlich,wie ungerecht die Clearances großteils verliefen und welch verheerende Auswirkungen sie auf die Menschen der Highlands hatten.

Ich kann „Consider the Lilies“ sehr empfehlen. Es ist eine schlichte Erzählung mit mehr innerer als äußerer Handlung, aber ich fand sie gut zu lesen und sowohl im Hinblick auf die Clearances als auch als Charakterstudie sehr interessant.

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