Gegenwartsliteratur Rezensionen

Ayelet Gundar-Goshen – Ungebetene Gäste

erschienen bei Kein & Aber

Naomi ist mit ihrem einjährigen Sohn Uri alleine in ihrer Wohnung in Tel Aviv, während ein arabischer Handwerker einige Arbeiten auf dem Balkon erledigt. In einem unaufmerksamen Moment wirft Uri einen Hammer vom Balkon und es kommt zu einem tragischen Unfall. Als daraufhin der Handwerker verdächtigt und festgenommen wird, schweigt Naomi anstatt des Missverständnis aufzuklären. Ihre Lüge hat weitreichende Folgen.

Ich habe von Ayelet Gundar-Goshen vor ein paar Jahren „Wo der Wolf lauert“ gelesen, das mir sehr gut gefallen hat. Daher habe ich gleich zugegriffen, als ich ihren neuesten Roman in der Bücherei gesehen habe. Auch in diesem geht es wieder um Vorurteile, Ängste, Lügen und Misstrauen, aber diesmal ist der Handlungsort nicht Kalifornien, sondern Tel Aviv.

Zu Beginn finden wir uns gleich mitten im Geschehen: Naomi ärgert sich darüber, dass ihr Mann Juval einen arabischen Handwerker bestellt hat, während sie alleine mit ihrem Kind in der Wohnung ist. Sie empfindet dem Arbeiter gegenüber Angst und Ablehnung, kämpft deshalb aber auch mit dem schlechten Gewissen. Sie ist so darauf konzentriert, wie sie mit der Situation umgehen soll, dass sie ihren Sohn Uri aus den Augen verliert und es zum folgenschweren Unfall kommt. Als Naomi zulässt, dass der Handwerker verhaftet wird, führt ihre Lüge schnell zu einer Spirale an Gewalt. Diesen Einstieg fand ich beklemmend, aber auch sehr interessant zu lesen. Naomis Umgang mit der Situation, ihre Schuldgefühle, aber auch die weiteren Ereignisse, die dadurch in Gang gesetzt werden, ermöglichen einen guten Einblick in das komplexe Innenleben der Figuren. Zugleich ist es auch ein Einblick in eine größere gesellschaftliche Problematik, die sich anhand von Israel natürlich besonders deutlich zeigt, aber letztendlich auch an zahlreichen anderen Schauplätzen gegeben wäre.

Das verdeutlicht der Roman durch einen Ortswechsel, der für mich ein wenig unerwartet kam: Naomi und ihr Mann Juval ziehen mit Uri nach Nigeria, weil Juval dort die Luftwaffe beraten soll. Die israelische Community bleibt weitgehend unter sich in einem bewachten Areal, aber Naomi möchte sich aus diesem engen Rahmen wegbewegen. Dabei muss sie feststellen, dass ihre Anwesenheit und der militärische Einsatz ihres Mannes nicht unbedingt auf Begeisterung stoßen. Und sie wird auch in Nigeria wieder von den vergangenen Ereignissen eingeholt.

Dieser Schauplatzwechsel ist interessant, weil er einen Perspektivenwechsel von Naomi mit sich bringt: Nun ist sie diejenige, die sich fremd fühlt und teilweise auf Ablehnung und Vorurteile stößt. Dass sie zugleich aber die (weißen) Privilegien genießt, die die Stellung und das Geld ihres Mannes mit sich bringt, zeigt, dass die Autorin dieses Thema auf vielschichtige Weise behandelt.

Obwohl ich die gesellschaftspolitischen Aspekte im zweiten Teil interessant fand, hat für mich der Ortswechsel trotzdem als gesamtes nicht so gut funktioniert. Es werden eine ganze Reihe von Personen eingeführt, darunter etwa die Psychologin Noga. Wir erfahren ihre gesamte Hintergrundgeschichte, aber für die Haupthandlung hat sie eigentlich keine weitere Bedeutung. Und so ähnlich war es auch mit ein paar weiteren Figuren und Nebenplots. Das hat für mich den zentralen Konflikt des Romans etwas verwässert und mir kam dadurch die Handlung zwischendurch auch etwas ziellos vor. Am Ende schließt sich zwar gewissermaßen der Kreis, trotzdem fehlte für mich ein befriedigender Abschluss.

Ayelet Gundar-Goshen hat mit „Ungebetene Gäste“ einen mitunter verstörenden Roman geschrieben, der sehr komplex nicht nur die schwierige Situation in Israel, sondern auch allgemein Vorurteile und Rassismus thematisiert. Nach dem sehr starken ersten Teil flachte aber die Spannung mit dem Umzug nach Nigeria etwas ab und und die Handlung verlor ein wenig ihren Fokus. Ein lesenswertes Buch, das mich aber insgesamt etwas enttäuscht hat.

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