Schreibgeplauder

„Küsst euch doch einfach mal“

(Keine Sorge, um die Preise für den read-a-thon kümmere ich mich noch, aber jetzt gehts erstmal um was anderes)

Es war einmal vor vielen Jahren, da schrieb ich noch nette Pferdegeschichten und behauptete, dass ich in meinen Romanen keine Lust auf Liebesgeschnulze hätte. Und deshalb würde ich auch nie in meinem ganzen Leben in die Verlegenheit kommen, eine Liebesszene schreiben zu müssen.
Ja … natürlich kam es wie immer bei solchen endgültigen Aussagen:

Im Laufe der Zeit haben sich ein paar Liebesgeschichten in die „Göttersteine“ eingeschlichen. Großteils ungeplant und nur durch die hohe Eigeninitiative der Charaktere zu erklären. Tja, und dann steht man als Autorin irgendwann mal vor einem der schwierigsten Schreibthemen überhaupt. Nun bin ich nicht der Meinung, dass ich meinen Charakteren bis ins Bett folgen muss und bin also eher ein Fan des Ausblendens. Ja, aber wie? Und wann? So wie bei Effi Briest, wo man sich hinterher fragt „Was ist denn das Problem dabei, wenn sie ein bisschen in den Dünen spazierengehen?“ muss es ja auch nicht sein. 😉 Man braucht also einen Mittelweg. Und der ist schwer zu finden.
Ein Blick in bereits veröffentlichte Bücher zeigt, dass die wenigsten gute Liebesszenen schreiben können (nicht von ungefähr gibt es sogar einen „Bad Sex in Fiction Award“). Meistens bekommt man detaillierte Bettakrobatik serviert inklusive einiger kreativer Wortschöpfungen, die in erster Linie erheiternd sind. Autoren, die nicht bereits beim ersten Kuss ausblenden, aber dennoch auf explizite Beschreibungen verzichten und das ganze dann auch noch schreiben ohne peinlich zu werden, sind rar gesäht. Guy Gavriel Kay könnte man da nennen. Und auch Nina Blazon hat das in „Faunblut“ meiner Meinung nach sehr elegant gelöst.

Nun gut, ich schnapp mir halt mal meine Charaktere (nennen wir sie R und V), und dann stehen wir da. Ich schau sie an, sie schauen mich an – und gerade die, die bisher alles so gemacht haben wie sie wollen und mir kein Mitspracherecht mehr gelassen haben, tun jetzt plötzlich gar nichts mehr.
Ich: „Also dann … macht doch mal.“
R: „Was denn genau?“
Ich: „Improvisiert einfach mal. Ich misch mich da nicht ein.“
*großes Schweigen*
V: „Sehen die alle zu?“
Ich: „Wer?“
V: „Die Leser.“
Ich: „Sollte es jemals Leser geben, dann ja.“
*Schweigen*
Ich: „Ihr könntet euch doch mal küssen. So als Anfang.“
R: „Aber … wenn die das dann alle lesen. Was denken die dann von mir? Wir sind nicht mal verheiratet.“
Ich: „Die denken sich gar nichts, die heiraten ja auch nicht vorher.“
*entsetztes Schweigen*
Ich: „Ach kommt, jetzt ziert euch doch nicht so.“
R: „Ja, aber … ich weiß doch gar nicht … und muss das jetzt wirklich sein? Das ist mir alles so peinlich.“
Ich: „Mir auch, das ist ja das Problem.“
*Schweigen*
Ich: „Okay, es reicht. Ich gehe jetzt und töte V, wie es ja ursprünglich geplant war.“

Und danach? Stimmung beim Teufel. Charaktere eingeschnappt und jede Romantik dahin. Und ich vertage das Problem.
Tja … so läuft das mit mir und meinen Charakteren.

4 thoughts on “„Küsst euch doch einfach mal“

  1. Hast Du schon mal daran gedacht, "richtige" Liebesromane zu lesen, um Dir da einiges abzugucken? 😉 Meine Erfahrung: Auch wenn man am Anfang mit gemischten Gefühlen drangeht, auch wenn vieles dabei ist, was man nicht mag, man verliert seine Scheu solchen Szenen gegenüber und irgendwann flutschen sie.
    Allerdings besteht dann auch die Gefahr, dass Du kein Fan des Ausblendens mehr bist *g*
    PS: Die meisten dieser Romane sind deutlich besser, als ihr Ruf. Nach Cover soll und darf man bei Romanen eh nie gehen *hüstel*

  2. Hallo Soleil!
    Ich hab schon den einen oder anderen Liebesroman gelesen und fand da großteils solche Szenen fürchterlich schlecht. Aber vielleicht hab ich auch einfach nicht die richtigen erwischt.
    Aber mit dem "Scheu verlieren", ja, da ist schon was dran. Vielleicht sollte ich mich einfach mal wieder an dieses Genre heranwagen.
    Ich merke aber auch, dass ich die Scheu allmählich verliere, umso öfter ich versuche, entsprechende Szenen zu schreiben. Ich taste mich also langsam heran. 😉

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