Abgebrochen Rezensionen

[Abgebrochen] Julia Quinn – Wie erobert man einen Duke?

Rundherum hab ich begeisterte Rezensionen von Julia Quinns Bridgerton-Romanen gelesen, alle scheinen sie toll zu finden und mehrmals fiel der Begriff „zeitgenössische Jane Austen“ (so etwa auch auf der Rückseite des Buches).
Tja, und ich hab es gerade mal gut 100 Seiten weit geschafft, danach hab ich den Rest überblättert und nur noch stichprobenartig reingelesen. Warum? Das werde ich euch im folgenden erläutern, aber mit einer Warnung für alle Bridgerton-Fans: Ich nehme mir kein Blatt vor den Mund und meine Kritik an dem Roman wird nicht sehr zimperlich ausfallen. Vergesst bitte nicht, dass das einfach nur meine Meinung ist und ich diese auch manchmal recht unverfroren zum Ausdruck bringe. 😉
Zunächst mal fand ich die Ausgangssituation völlig unglaubwürdig und konstruiert. Die bezaubernde Daphne Bridgerton erlebt schon ihre 2. „Saison“ und hat noch immer keinen Ehemann gefunden, während Simon (der Duke) auf keinen Fall heiraten möchte und all den kupplungswütigen Müttern mit Grauen entgegenblickt. Also schließen die beiden einen kleinen Pakt: Simon soll Daphne den Hof machen, damit die Männer auf sie aufmerksam werden, während er selbst seine Ruhe vor anderen Frauen und deren Müttern hat.
Soweit so gut, aber schon da stellt sich die Frage: Wie denken die beiden, dass sie sich dann aus dieser Sache wieder herauswinden können, ohne dass zumindest Daphnes Ruf arg darunter leidet? Simon macht ihr gleich äußerst zügig und vermeintlich ernsthaft den Hof, wie würde also Daphne dastehen, wenn er sie dann irgendwann fallen lässt? Was für ein Bild würde das auf Simon werfen? Und wie lange möchten die beiden das überhaupt durchziehen?
Das wirkt also alles schon mal recht konstruiert, aber es kommt noch ärger: Der Grund, weshalb Daphne noch immer unverheiratet ist, ist, dass die Männer in ihr eher einen „Kumpel“ sehen und keine Frau, die man heiraten möchte.
….
Ja. Kumpel (bzw. „Gefährtin“ war, glaub ich, die Bezeichnung im Roman). Wir haben hier also eine wunderhübsche, kluge und freundliche Frau aus gutem Haus Anfang des 19. Jahrhunderts – in der die Männer keine Heiratskandidatin, sondern nur eine Freundin/Gefährtin/Kumpel/whatever sehen.
Natürlich, genau so stellt man sich das Verhältnis zwischen Männern und Frauen im Regency vor: ein kumpelhafter Umgang. Was für eine Frau wäre dann passend als Heiratskandidatin? Offensichtlich keine schöne, kluge und freundliche aus gutem Haus. Hm ….
Es ist ziemlich deutlich, was die Autorin hier macht: Daphne soll zwar die verschmähte Frau sein, aber bitte ohne jeglichen Makel, der das erklären würde. An ihrem Aussehen soll es nicht liegen, an ihrer Herkunft auch nicht und strunzdumm oder arrogant ist sie natürlich auch nicht. Wo käme man denn hin, wenn die Heldin in einem Liebesroman nicht äußerlich und innerlich makellos wäre!
Also ist sie zwar die perfekte Heiratskandidatin, aber eine, die aus völlig unlogischen Gründen von Männern eben nicht als solche betrachtet wird (angeblich, weil sie durch ihre älteren Brüder einen eher kumpelhaften Umgang mit Männern pflegt).
Alles klar.
Dass sie eigentlich ziemlich häufig von Verehrern umringt wird, lassen wir dabei mal außer Acht.
Okay, ich wollte eigentlich gar nicht so lange auf diesem Punkt herumreiten, aber sei’s drum. Mit dem Rest fasse ich mich jetzt kurz: Das Hauptproblem (von der konstruierten Ausgangssituation abgesehen) war wohl meine Erwartungshaltung. Ich habe Jane Austen erwartet und eher so etwas wie einen Nackenbeißer bekommen. Diverse schwülstige (sowie eine äußerst problematische) Sexszenen, den rücksichtsvoll-kundigen Liebhaber, die naiv-unerfahrene (aber dennoch äußerst leidenschaftliche und „geschickte“) junge Dame, zahlreiche Orgasmen und mehrere gestöhnte „Oh Gott“s inklusive.
Dass ich viele Dialoge eher nervig und ziemlich unzeitgemäß fand, erwähne ich jetzt nur noch am Rande.
Wie gesagt: In erster Linie liegt mein Problem mit dem Roman wohl darin begründet, dass ich etwas anderes erwartet habe. Ich denke, dass er den gängigen Genrekonventionen entspricht und ich auch nicht mal annähernd der Zielgruppe entspreche.
Schade, aber damit ist mein Ausflug in die Welt der Bridgertons auch schon wieder beendet. Gibt es eigentlich moderne (oder von mir aus auch ältere) Autorinnen, die tatsächlich mit Jane Austen vergleichbar sind? Jegliche Vorschläge nehme ich gern entgegen.

12 thoughts on “[Abgebrochen] Julia Quinn – Wie erobert man einen Duke?

  1. OK, das bestätigt mich jetzt in meinem Verdacht, dass ich Regency-Novels lieber meiden sollte. Bei mir geht da ja schon jede Klappe runter, wenn überhaupt auch nur eine Sexszene drin vorkommt – es sei denn natürlich, es geht um ein verheiratetes Pärchen. Das passt einfach nicht in die Zeit und stört mich massiv.

    Hm, also, eine Jane Austen ist mir bisher noch nicht begegnet – aber ich mochte die zwei Romane von Joan Aiken, die ich hier stehen habe, wirklich gerne: Das eine ist eine "fanfiction" von Emma, Titel: Jane Fairfax, und das andere "Die Fünf-MInuten-Ehe". Das fand ich spaßig. Und der eine Roman von Georgette Heyer ("The Convenient Marriage"), den ich bisher gelesen habe, war auch nett. Mit Jane Austen kann keiner von denen es aufnehmen, aber es machte Spaß zu lesen, hat mich überrascht und war nicht total ahistorisch.

    1. Nein nein nein, die sind da schon verheiratet. Da die Hochzeit etwa in der Mitte des Buches ist, bleibt danach noch genügend Zeit für Sex. 😉

      Ach ja, Georgette Heyer ist mir schon öfter mal untergekommen, mit der sollte ich es vielleicht mal probieren.
      Joan Aiken sagt mir sogar was, von der hatte ich früher mal eine Sammlung mit Gruselgeschichten (als Kind war ich da irgendwie noch härter im Nehmen …).

    2. Georgette Heyer ist auf jeden Fall einen Versuch wert. Historisch deutlich korrekter als Julia Quinn, keine Sexszenen und nein, ich würde sie nicht mit Jane Austen vergleichen, aber sie schreibt unterhaltsam, schafft reizvolle Figuren und ich mag ihre Dialoge.

      (Und so gern ich die Bridgertons gelesen habe, wer mit einer Jane-Austen-Erwartungshaltung an die Bücher herangeführt wird, der kann damit kein Vergnügen haben! 😉 )

  2. Mich hätte es ehrlich gesagt verwundert, wenn dir das Buch gefallen hätte. 😉

    Und ich weiß beim besten Willen nicht, wer als erster auf die Idee kam, Julia Quinn als die "moderne Jane Austen" zu bezeichnen! Julia Quinn schreibt ganz nette Regency Romance – besser als viele andere, aber deshalb ist sie keine Jane Austen.

    Die Bücher von Georgette Heyer finde ich übrigens absolut genial (nicht alle, aber viele). Sie kann herrlich bissige Dialoge schreiben! Ihr Stil ist anders als Jane Austen, aber mit den heutigen Regency Autorinnen kann man das auch nicht vergleichen. Sex wird höchstens angedeutet und dann auch erst, wenn die Paare unter der Haube sind. Und natürlich steht die Liebesgeschichte im Mittelpunkt, es gibt immer viele Missverständnisse, die sich am Ende mit viel Turbulenzen klären. Ich finde die Bücher immer herrlich unterhaltsam – vor allem "Herzdame" und "Die drei Ehen der Grand Sophy".

    1. Hättest du mich doch mal gewarnt! 😉

      Das mit dem Jane Austen-Vergleich ist mir auch ein Rätsel. Weder die Handlungsstruktur, noch der Erzählstil, noch die Art der Figurenzeichnung hat Ähnlichkeiten. Wird ein Liebesroman im Regency gleich mal standardmäßig mit Austen verglichen, sowie alle High Fantasy-Autoren die "wahren Erben von Tolkien" sind?

      Georgette Heyer kommt jetzt definitiv mal auf meine Liste.

    2. Naja, aber da hattest du das Buch schon…und vielleicht hätte es dir ja doch unverhoffterweise gefallen. 😉

      Keine Ahnung, ob alle Regency Romane mit Jane Austen verglichen werden – ich lese die zwar durchaus mal, aber insgesamt eher selten…

  3. Ich lese die Bridgertons ja sehr gerne. Deine Kritikpunkte kann ich verstehen, wobei mich das nicht gestört hat. Mir war beim lesen bewusst, dass einiges konstruiert ist, aber das findet sich ja häufig in Büchern und in diesem Fall konnte ich gut "darüber hinweglesen".

  4. Also moderne Jane Austen kann man Frau Quinn wirklich nicht bezeichnen. *hust* Wer ist denn auf die Idee gekommen?

    Gut, ich habe die Reihe und viele, viele andere Bücher von Frau Quinn ja auch regelrecht verschlungen. Dazu stehe ich. Und ich habe sie alle – mit ein paar Ausnahmen – sehr gemocht. Auf Korrektheit in der Umsetzung setz ich hier eher nicht, eher vorlaute Charaktere, die einen gut unterhalten. 😉

    Eigentlich findet Daphne ja nicht wirklich einen heiratswilligen Gentleman, weil ihre Brüder ja immer alle vergraueln. *gg* Und weil sie eben halt auch meistens ihre Meinung preisgibt, so recht Freischnauze.

    Und nächster Punkt: Ich hasse die Übersetzung von Historicals, weswegen ich sie nur im Original lese. Diese geschnulzte Deutsch kann sich kein Mensch freiwillig auf Dauer aussetzen ohne einen Knall zu kriegen.;)

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