Lesegeplauder

Literaturnobelpreis 2018 und 2019

Nachdem der Literaturnobelpreis 2018 ganz von den Skandalen rund um die Schwedische Akademie dominiert und die Preisvergabe schließlich um ein Jahr verschoben wurde, wurden dieses Jahr nun zwei Preise vergeben. Der Literaturnobelpreis von 2018 geht an die polnische Schriftstellerin Olga Tokarczuk, der von 2019 an den österreichischen Schriftsteller Peter Handke.

Olga Tokarczuk wurde 1962 in Sulechów geboren und studierte Psychologie an der Universität Warschau. Sie arbeitete als Therapeutin, ehe 1989 mit der Gedichtsammlung „Miasta w lustrach“ (Städte in Spiegeln) ihr erstes Buch erschien. Danach veröffentlichte sie sowohl Romane – darunter „Prowadź swój pług przez kości umarłych“ (Der Gesang der Fledermäuse) – als auch kürzere Formen wie Erzählungen und Essays. Mir war ihr Name zwar schon ein Begriff, aber gelesen habe ich von ihr bisher noch nichts.

Dagegen bin ich natürlich um Peter Handke, der 1942 in Griffen geboren wurde, im Studium nicht herumgekommen. Peter Handke wuchs in Kärnten und Berlin auf, studierte Rechtswissenschaften in Graz und brach kurz vor dem Abschluss sein Studium ab, um sich ganz um sich ganz seiner Tätigkeit als Schriftsteller zu widmen. Seit den 70er Jahren unternahm er einige Reisen und verbrachte auch immer wieder eine längere Zeit im Ausland; seit 1990 lebt er hauptsächlich in Paris. Er veröffentlichte so viele Werke – von Romanen und Erzählungen über Theaterstücke bis hin zu Drehbüchern -, dass ich hier gar nicht erst mit Aufzählungen anfange. Ich selbst habe von ihm bislang „Publikumsbeschimpfung“ und „Wunschloses Unglück“ im Rahmen des Studiums gelesen. Politisch ist Peter Handke allerdings aufgrund seiner pro-serbischen Position bei den Konflikten am Balkan nicht unumstritten und die Vergabe des Preises dementsprechend auch nicht.

 

Mit den neuesten Preisträgern sind es nun 15 ausgezeichnete Frauen von insgesamt 115 Literaturnobelpreisträgern; 85 mal ging der Nobelpreis bisher nach Europa. Somit war und ist der Literaturnobelpreis weiterhin sehr männlich-europäisch dominiert und bildet sicher nicht die Vielfalt der Weltliteratur ab. Ich bezweifle auch, dass sich das in absehbarer Zeit noch ändern wird; schade finde ich es dennoch, dass jetzt schon wieder zwei europäische Preisträger hinzugekommen sind.

Nichtsdestotrotz freue ich mich aber darauf, dass mir dank des Preises Olga Tokarczuk ins Bewusstsein gerufen wurde und ich werde vielleicht auch wieder einmal zu Peter Handkes Werke greifen (erstmals seit dem Studium).

Und wie geht es euch mit den beiden Preisträgern? Seid ihr überrascht? Habt ihr schon etwas von Olga Tokarczuk oder Peter Handke gelesen? Wenn ja: Wie hat es euch das gefallen? Könnt ihr mir etwas bestimmtes empfehlen?

Nachtrag: Ich habe mich, um ehrlich zu sein, davor gedrückt, auf die Problematik von Handkes politischer Position hier genauer einzugehen, aber in den Kommentaren wurde es thematisiert und mich würden eure Ansichten dazu sehr interessieren!

4 thoughts on “Literaturnobelpreis 2018 und 2019

  1. Ich muss gestehen, dass ich von Olga Tokarczuk vorher noch nie gehört hatte. Während ich – obwohl ich von Peter Handke noch nie etwas gelesen habe – schon einiges über ihn gehört habe, was es mir schwer macht ihm den Preis zu gönnen. Mein Mann argumentierte gestern Abend, dass man Autor und Werk durchaus trennen sollte und ich muss zugeben, dass ich das Werk von Peter Handke nicht beurteilen kann. Allerdings finde ich es schwierig jemanden einen so aufmerksamsweckenden Preis zu verleihen, dessen öffentlichen Aussagen zu politischen Themen in der Vergangenheit mehr als zweifelhaft waren. (Spannend auch, dass sich sogar PEN dazu äußert: https://pen.org/press-release/statement-nobel-prize-for-literature-2019/ )

    1. Ich muss gestehen, dass ich am 10. dieses Fass erst mal nicht aufmachen wollte, weil ich das Gefühl hatte, dass ich mich einerseits in Bezug auf Handke noch mehr über das Thema informieren müsste und mir andererseits auch sehr schwer tue, ganz allgemein zu entscheiden, wie stark man Autor und Werk trennen soll und kann. Ich denke, dass die Entscheidung literarisch betrachtet relativ unumstritten ist (auch wenn die Frage, was gute Literatur ist, natürlich immer subjektiv ist), aber da der Nobelpreis aufgrund des hohen Preisgeldes und der Publicity halt über eine rein literarische Ehrung hinausgeht, ist es schon schwierig, Autor und Werk hier getrennt zu betrachten – auch wenn ich Handke gern gelesen habe und gern mehr von ihm lesen möchte.
      Was ich an der ganzen Sache besonders traurig finde, ist, dass die Verleihung des Nobelpreises an Jelinek damals in Österreich zu einem Aufschrei und einem Skandal geführt hat, da eine Autorin, die sich kritisch mit der mangelhaften Vergangenheitsbewältigung und anderen politischen Problemen des Landes auseinandersetzt, als Schande und Nestbeschmutzerin betrachtet wurde. Und über die Texte ging es damals noch nicht einmal. Dagegen überschlagen sich hier jetzt bei Handke, dessen Aussagen politisch tatsächlich problematisch sind, die meisten vor Begeisterung.

      1. Da ich ihn nie gelesen habe, kann ich die literarische Qualität wirklich nicht beurteilen (und erfahrungsgemäß gefällt mir „gute Literatur“ leider nur selten 😉 ). Aber ich hatte schon vorher ein paar Sachen über Handke als Person gehört und nach der Bekanntgabe wurde ich in meiner Timeline gerade zu überschwemmt mit Artikeln und Informationen zu seinen politischen Ansichten und Hintergrundinformationen.

        Solch zweierlei Maß und dann auch noch bei solch unterschiedlichen Themen, ist wirklich traurig zu beobachten. Ob es daran liegt, dass Handkes Aussagen sein Heimatland weniger direkt betreffen? Oder toleriert man bei einem Mann politische Aussagen eher – selbst wenn sie so skandalös sind wie in diesem Fall?

        1. Ich denke, es hängt vor allem damit zusammen, dass Jelinek in ihren Büchern den Finger auf die eine oder andere Wunde legt und dementsprechend am idyllischen Sound of Music- und Sissi-Image von Österreich, das so gern nach außen verkauft wird, sägt.

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