Gegenwartsliteratur Rezensionen

Chigozie Obioma – Der dunkle Fluss

erschienen bei Aufbau

Nigeria in den 90er Jahren: Als der Vater des neunjährigen Benjamin beruflich in eine andere Stadt versetzt wird, nutzen Ben und seine Brüder die neugewonnene Freiheit aus und angeln am verbotenen dunklen Fluss, von dem es heißt, dass er Unheil bringt. Und tatsächlich begegnen sie bald darauf dem Landstreicher Abulu, der düstere Verwünschungen gegen sie ausstößt. Von da an ändert sich das Verhältnis der Brüder zueinander und es scheint, als würden sich Abulus Prophezeiungen erfüllen.

 

Chigozie Obioma wurde 1986 in Nigeria geboren, also im selben Jahr wie sein Romancharakter Benjamin, und studierte auf Zypern und an der University of Michigan. „Der dunkle Fluss“ ist sein Debütroman und stand auf der Shortlist des Man Booker Prize.

Die Geschichte wird rückblickend aus der Sicht von Ben erzählt und erinnert in der Plostruktur an eine griechische Tragödie: Der älteste Bruder Ikenna hat eine solche Angst vor Abulus Prophezeiung, dass sich sein Verhalten und seine Beziehung zu seinen Brüdern dermaßen wandelt, dass er damit das Eintreten der Prophezeiung überhaupt erst ermöglicht. Damit setzt er zugleich einen Strudel an Gewalt in Gang, dem offenbar niemand aus der Familie entkommen kann. Es ist erschreckend zu lesen, wie sehr diese Gewalt das gesamte Leben der Kinder durchzieht: in ihrer Erziehung, in gefährlicher Straßenkriminalität und stets drohenden Überfällen und in logischer Konsequenz schließlich auch im Verhalten zwischen den Geschwistern. Dementsprechend handelt es sich um eine sehr schonungslose und traurige, zugleich aber auch ungemein spannende Geschichte.

Fast noch interessanter als die Handlung an sich fand ich aber, was man alles über das Leben in Nigeria bzw. in der Stadt Akure erfährt. Der Autor thematisiert die politischen Hintergründe der 90er Jahre, als Moshood Abiola mit seiner sozialdemokratischen Partei die Wahl gewonnen hätte; die Wahl wurde aber annulliert, um eine Militärdiktatur unter Sani Abacha durchzusetzen. Diese Ereignisse spielen nur sehr am Rande eine Rolle, haben aber natürlich Auswirkungen auf die nigerianische Gesellschaft und dementsprechend auch auf das Leben von Ben und seiner Familie.

Der Roman zeichnet auch das Bild einer zutiefst gespaltenen Gesellschaft, nicht nur im Hinblick auf die Konflikte zwischen den verschiedenen ethnischen Gruppen (das zeigt sich auch darin, wie die Geschwister je nach Situation und Umfeld zwischen den Sprachen Yoruba, Igbo und Englisch wechseln), sondern auch einer Spannung zwischen verschiedenen Glaubenskonzepten. So spielen Aberglauben, Magie und Vorstellungen von Familienehre und Rache eine große Rolle, obwohl Bens Familie christlich geprägt ist und von einem Neustart im „Westen“ träumt. Und tatsächlich scheint eine solche Zukunft zum Greifen nahe, als sich für die älteren Brüder die Chance auftut, einem Bekannten der Familie nach Kanada zu folgen.

„Der dunkle Fluss“ ist ein sehr faszinierender, kraftvoll und schonungslos erzählter Roman. Ich hatte irgendwann beim Lesen die ernüchternde und auch verstörende Erkenntnis, dass Ben etwa zur selben Zeit wie ich geboren wurde – unsere Kindheit aber kaum unterschiedlicher hätte verlaufen können, zumal für Ben mit nicht einmal zehn Jahren die Kindheit bereits ein abruptes Ende nimmt.

Ich kann diesen Roman sehr empfehlen, besonders wenn man in eine ganz andere Kultur und Lebenswelt eintauchen und eine Vorstellung vom Leben in Nigeria in den 90er Jahren bekommen möchte.

4 thoughts on “Chigozie Obioma – Der dunkle Fluss

  1. Ich habe den Roman kurz nach Erscheinen gelesen. Die Handlung habe ich noch recht gut vor Augen, obwohl ich glaube, dass ich das Buch heute nochmal anders lesen würde. Die Gewaltbereitschaft hat mich damals auch sehr erschüttert. Deine Rezi finde ich richtig toll. Unter meiner hast du übrigens kommentiert, dass das Buch direkt mal auf deine Wunschliste gesetzt hast 😀 Das Lesen hat dann ja noch ein bisschen gedauert 😀 (geht mir ständig so) Aber besser spät, als nie 😉
    Liebste Grüße,
    Nanni

    1. Ach, bei dir habe ich es entdeckt! 🙂 Ich wusste es nicht mehr, da es eben schon etwas her war. Leider verbringen Bücher bei mir oft eine geraume Zeit auf der Wunschliste, vor allem, wenn ich sie länger nicht in der Bibliothek ergattere oder zwischendurch das Interesse daran verliere. Aber ich bin sehr froh, dass ich den Roman jetzt endlich gelesen habe.

    1. Ja, das ist es – also sowohl interessante als auch harte Kost. Wenn man aber gerade in der richtigen Stimmung für ein solches Buch ist, kann ich es sehr empfehlen.

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