Gegenwartsliteratur Rezensionen

Abdulrazak Gurnah – Das versteinerte Herz

erschienen bei Penguin

Salim wächst in den 1970er Jahren auf Sansibar auf. Als er sieben Jahre alt ist, verlässt sein Vater die Familie. Die Frage nach dem Warum beschäftigt Salim seine ganze Kindheit und Jugend hindurch. Erst als er zum Studium nach London geht, erfährt er nach und nach, was sich damals zugetragen hat.

Abdulrazak Gurnah wurde 1948 auf Sansibar geboren und floh nach der dortigen Revolution 1968 nach England. Nach seinem Studium arbeitete er als Professor für Englische Literatur und Postkoloniale Literatur an der University of Kent. 2021 erhielt er den Literaturnobelpreis.

Ich hatte anfangs ein bisschen Schwierigkeiten in diesen Roman hineinzufinden, weil rückblickend auch die Geschichte von Salims Mutter erzählt wird und ich erst die Namen sortieren musste. Aber bald war ich gefesselt und konnte das Buch kaum mehr aus der Hand legen, obwohl auf der Handlungsebene teilweise gar nicht so viel passiert. „Das versteinerte Herz“ ist ein klassischer Coming-of-Age-Roman, bei dem wir Salim von seiner Kindheit weg bis zum Erwachsensein begleiten. Dabei stehen Themen und Zugehörigkeit und Identität im Mittelpunkt, vor allem, als Salim zum Studium zu seinem Onkel nach London zieht. Sein Gefühl der Entwurzelung wird zwar in England noch verstärkt, entsteht aber schon viel früher, nämlich mit dem Weggang seines Vaters in der Kindheit. Wann immer Salim versucht herauszufinden, was der Grund dafür ist, stößt er auf eine Wand aus Schweigen. Die offenen Fragen belasten Salim und machen es ihm schwer seine eigene Identität aufzubauen. In London bekommt er zwar von seinem Onkel erste Antworten, aber diese entfremden ihn zunächst nur noch mehr von seiner Familie. Erst spät erfährt er alle Details und erkennt, was für ein Geflecht aus familiären und gesellschaftlichen Konflikten, Macht und Demütigung hinter all dem steckt.

Der Schreibstil von Abdulrazak Gurnah ist sehr ruhig und zurückhaltend. Es gibt keine spektakulären Ereignisse und dramatischen Wendungen, auch dann nicht, als die Geheimnisse enthüllt werden. Die Geschichte entfaltet sich vielmehr langsam über Erinnerungen und Gespräche. Der oft nüchterne Stil passt auch zu der emotionalen Starre, in der sich viele Figuren in dem Roman befinden. Erst mit der Kenntnis der Vergangenheit tut sich bei Salim Verständnis für seine Eltern auf und die Hoffnung darauf selbst seinen Platz in der Welt zu finden.

Mir hat „Das versteinerte Herz“ sehr gut gefallen; die Mischung aus dem persönlichen Lebensweg von Salim und der Geschichte von Sansibar fand ich sehr gelungen. Ich muss ehrlich sagen, dass ich von dem Autor vor Vergabe des Nobelpreises noch nie etwas gehört habe, aber nun habe ich Lust darauf bekommen noch mehr von ihm zu lesen.

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