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Alice Munro – Tanz der seligen Geistern

Genre: Erzählungen
Seiten: 374
Verlag: Fischer Taschenbuch Verlag
ISBN: 9783596512195
Meine Bewertung: 4,5 von 5 Sternchen

Ein Jahr mit Nobelpreisträgern

In ihrer ersten Kurzgeschichtensammlung erzählt Alice Munro in 15 Geschichten von Menschen, die nicht so recht dazugehören, die in irgendeiner Weise am Rande der Gesellschaft stehen: ein Mädchen, das in eine Männerwelt gehören möchte, eine Schülerin, die beim Schulball von niemandem aufgefordert wird, eine Mutter, für die die Töchter sich schämen.
In den meisten Geschichten ist es nicht das alleinige Thema, und in manchen auch nur sehr am Rande, aber es zieht sich doch durch die Sammlung und bildet einen roten Faden.
Ein weiteres verbindendes Element ist das Milieu, in dem die Geschichten angesiedelt sind. Sie spielen alle von etwa 1930 bis 1950 in Kanada in der Unterschicht oder ärmeren Mittelschicht und vermitteln oft ein gewisses Gefühl der Schäbigkeit. Alice Munro fängt dabei alle Familien und Schauplätze – sei es nun eine Fuchsfarm oder eine adrette Siedlung, in der ein altes Haus ein störendes Bild abgibt – so gut ein, dass ich überall das Gefühl hatte, mittendrin zu stecken.
Das ist angesichts der Kürze der Geschichten bemerkenswert (manche Autoren schaffen das nicht mal auf mehreren hundert Romanseiten) und setzt sich auch in den Figuren fort, die Munro meist in nur wenigen Sätzen sehr klar zu charakterisieren versteht.
Die – oft kindliche, oft rückblickende – Perspektive der Geschichten wirkt stets glaubwürdig, wenn auch sprachlich nicht immer authentisch. Das ist vielleicht der einzige Vorwurf, den ich Munro machen könnte: Dass ihr sprachliche Geschliffenheit wichtiger ist als eine tatsächlich authentische Erzählstimme.
Dafür sind die Kurzgeschichten aber stilistisch sehr schön zu lesen – eher schlicht und nüchtern als blumig, unsentimental und mit stets präziser Wortwahl. Ab und zu hatte ich allerdings das Gefühl, dass die Übersetzung nicht ganz gelungen war, daher wäre es sicher besser, die Geschichten im Original zu lesen.
Inhaltlich fand ich alle Geschichten sehr interessant und auch mitreißend, sobald ich erst einmal hineingefunden hatte. Mein Problem mit Kurzgeschichten ist ja, dass man meist eine Weile braucht, um sich in die Situation und Figuren einzufinden, und wenn das dann endlich geschehen ist, ist die Geschichte auch meist schon zu Ende. Das war bei Munro nicht so sehr der Fall. Meistens habe ich mich schnell in einer neuen Geschichte zurechtgefunden, auch wenn ich am Ende dann oft enttäuscht war, dass ich nicht noch weiter bei den jeweiligen Figuren verweilen konnte. Aber gerade das ist ja auch schön, wenn es einem leid tut, von der Welt, in die man kurz eingetaucht ist, wieder Abschied nehmen zu müssen.
Dieser Abschiedsschmerz passt durchaus auch zu der eher traurigen Grundstimmung. Die Geschichten sind nicht trostlos, aber doch großteils melancholisch und vereinzelt auch schmerzhaft zu lesen.
Da ich sonst noch keine Kurzgeschichten von Munro gelesen habe, kann ich keine Vergleiche zu späteren Werken anstellen, aber auf mich wirkt ihr Erstlingswerk bereits sehr ausgereift. Mir haben die Kurzgeschichten alle sehr gut gefallen und mich auch neugierig auf mehr von der Autorin gemacht.
Meine persönlichen Highlights waren übrigens „Das Büro“, in dem eine Autorin auf der Suche nach mehr Ruhe beim Schreiben ist, und „Tag des Schmetterlings“ über ein Mädchen, das in der Schule gemobbt und erst aus traurigen Gründen scheinbar in die Klassengemeinschaft eingegliedert wird.

4 thoughts on “Alice Munro – Tanz der seligen Geistern

    1. Das tut mir jetzt nicht wirklich leid. *g*
      Aber falls es dich beruhigt: Die nächsten Tage werde ich wohl eine äußerst unzufriedene Rezension zu einem anderen Buch schreiben. 😉

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