Gegenwartsliteratur Rezensionen

Chimamanda Ngozie Adichie – Blauer Hibiskus

erschienen bei Fischer

 

Nach außen führen die fünfzehnjährige Kambili und ihr älterer Bruder Jaja ein perfektes Leben: Ihre Familie ist reich, der Vater in der Gemeinde sehr angesehen, sie leben in einem großen Anwesen und genießen eine gute Schulbildung. Tatsächlich aber leben sie in ständiger Angst vor dem gewalttätigen Vater und durften nie eine eigene Meinung und Stimme entwickeln. Als es nach einem Militärputsch zu Unruhen kommt, werden die Geschwister zu ihrer Tante geschickt, wo sie erstmals ein anderes Leben kennenlernen.

 

„Blauer Hibiskus“ ist der 2003 erschienene Debütroman der nigerianischen Schriftstellerin Chimamanda Ngozie Adichie, die seit ihrem Studium die meiste Zeit in den USA lebte. Man erfährt in dem Roman einiges von der Geschichte und Kultur Nigerias, aber in erster Linie ist es ein Entwicklungsroman – sehr ruhig erzählt und doch so fesselnd, dass ich ihn an einem einzigen Tag durchgelesen habe.

Kambili erzählt darin aus der Ich-Perspektive die sehr aufwühlende Geschichte ihrer Familie, die von dem übermächtigen Vater beherrscht wird. Er ist ein strenggläubiger Mensch, der den katholischen Missionaren einen steilen sozialen Aufstieg verdankt und nun von seinem früheren Glauben und den Igbo-Traditionen nichts mehr wissen will. Seiner Familie erlaubt er nicht das kleinste Aufmucken, keinerlei Individualität und keine eigenen Meinungen und Gedanken. Adichie beschreibt sehr eindrücklich, wie sich das auf Kambilis Charakter auswirkt: Sie wagt es kaum zu sprechen, reagiert nahezu panisch auf Fragen und ist ständig um die Anerkennung ihres Vaters bemüht. Obwohl schon früh klar wird, was in der Familie vorgeht, lernt man erst nach und nach das ganze Ausmaß der häuslichen Gewalt kennen. Lange schafft Kambili auch nicht einmal sich selbst einzugestehen, was in ihrer Familie alles geschieht – nicht nur aus Angst vor dem Vater, sondern auch, weil er eine sehr ambivalente Persönlichkeit ist und Kambili sich an diesem „anderen“ Bild festklammert, an dem Vater, wie ihn Außenstehende sehen. Denn er ist ein hochangesehenes Mitglied der Gesellschaft, unterstützt großzügig die Kirche und die ärmeren Menschen der Gemeinde und gibt trotz zahlreicher Einschüchterungsversuche eine regimekritische Zeitung heraus.

Diese Zeitung ist schließlich auch der Grund, weshalb Kambili und ihr Bruder Jaja für eine Weile zu ihrer Tante geschickt werden, um dort vor den politischen Unruhen geschützt zu sein. Hier lernen sie nun ein ganz anderes Leben kennen – eines, das aufgrund der Armut alles andere als einfach ist, aber doch so viel freier und unbeschwerter als jenes, das Kambili und Jaja bislang kannten. Erstmals können sie auch Zeit mit ihrem Großvater verbringen und dabei ihre ursprüngliche Kultur kennenlernen. Das alles macht Kambili, die nie etwas anderes gelernt hat als ohne Widerrede zu gehorchen, zunächst Angst, während in Jaja schnell rebellische Gedanken entstehen.

Ich fand es wunderschön zu lesen, wie dann auch Kambili langsam aus ihrem Schneckenhaus hervorkommt und beginnt ihre eigene Persönlichkeit zu entwickeln, zu ihrer eigenen Stimme zu finden. Deshalb und auch aufgrund von Adichies sehr angenehmem Schreibstil ist der Roman trotz der harten Thematik und der teils heftigen Szenen doch alles andere als trostlos. Ich habe „Blauer Hibiskus“ daher sehr gern gelesen; Kambilis Entwicklung ist toll beschrieben und man erfährt auch viel über Politik, Kultur und Geschichte von Nigeria.

 

Das einzige, was ich schade finde ist, wie sehr das Buch auf ein „westliches“ Publikum zugeschnitten ist. Es ist sehr eindeutig, dass Adichies Zielgruppe nicht die eigenen Landsleute sind, sondern sie über ihre Heimat schreibt (teilweise vielleicht auch vereinfachend und filternd), um diese Menschen aus anderen Kulturen näherzubringen. Das ist nichts, was mich beim Lesen gestört hat und nichts, was den Wert des Romans in irgendeiner Weise schmälert. Mir ist das erst hinterher aufgefallen, als ich noch weiter darüber nachgedacht habe. Ich habe einfach den Eindruck (und dieser mag auch falsch sein), dass das etwas ist, was auf viele Romane von afrikanischen AutorInnen zutrifft, die auf Englisch/Deutsch erscheinen bzw. übersetzt werden. So, als könnte man dem Publikum nur afrikanische Literatur zumuten, wenn diese bereits für den westlichen Markt geschrieben wurde.

2 thoughts on “Chimamanda Ngozie Adichie – Blauer Hibiskus

  1. Ich finde es spannend, dass du den Roman nicht als „trostlos“ empfunden hast, während ich nach dem Lesen wirklich bedrückt war, weil ich zwar die Szenen bei der Tante und die Entwicklung von Kambili und ihrem Bruder dort sehr schön zu verfolgen fand, aber am Ende nicht das Gefühl hatte, dass es für Kambili oder den Rest ihrer Familie eine gute Zukunft geben würde.

    Das „für einen westlichen Markt schreiben“ macht es vermutlich deutlich einfacher die Bücher im englischsprachigen (und sonstigen) Raum zu veröffentlichen und viele afrikanischstämmige Autoren, die mir spontan einfallen, leben und veröffentlichen in den USA. Ich habe aber auch schon Kinder- und Jugendbücher gelesen, die ursprünglich in dem afrikanischen Heimatland ihres Autoren veröffentlicht wurden, und die ebenso zugänglich waren – vielleicht gerade deshalb, weil es Kinder- und Jugendbücher waren und da ja dem Leser auch sehr viel erklärt wird, was man bei Büchern für Erwachsenen weglassen oder eben nicht erläutern würde.

    1. Das verstehe ich, da ich das Ende auch nicht unbedingt optimistisch fand, aber vom Gefühl her hat mich das Buch dennoch eher hoffnungsvoll gestimmt.

      Ja, man findet schon mal kaum englische Bücher von afrikanischstämmigen AutorInnen, die nicht direkt in den USA veröffentlicht haben. Bei Chimamanda Ngozie Adichie ist das ja auch so. Das sollte von mir auch ausdrücklich keine Kritik an der Autorin sein, sondern eher eine Kritik am Buchmarkt.
      Gibt es von den Kinder- und Jugendbüchern denn welche, die du mir empfehlen könntest?

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