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[Kurzrezensionen] Von Berlin nach Dublin in die schottischen Highlands

Berit Glanz – Pixeltänzer

Die Programmiererin Elisabeth, genannt Beta, probiert eine App namens Dawntastic aus. Mit dieser kann man sich von einer zufällig ausgewählten Person irgendwo auf der Welt mittels eines Anrufs aufwecken lassen. Auf diese Weise lernt sie Toboggan kennen, dessen Profilbild – eine seltsame Maske – ihre Neugierde weckt. Als sie genaueres erfahren möchte, schickt er sie auf eine virtuelle Schnitzeljagd, die Beta zu der Geschichte des Berliner Künstlerpaars Lavinia und Walter führt.

„Pixeltänzer“ ist ein sehr interessanter und vor allem kreativer Roman, der einerseits ein aktuelles Bild unserer digitalen Welt zeichnet, andererseits mit den Passagen über Lavinia Schulz auch Anflüge eines historischen Romans hat. Ich fand es bemerkenswert, wie gut sich die verschiedenen Aspekte – die authentisch wirkende (aber auch ironische) Schilderung über die Arbeit in einem modernen Startup, die Schnitzeljagd und die Erzählungen über Lavinias Leben in den 20er Jahren – ineinander fügen. Perfekt fügt sich auch das Ende ein, das den Spagat schafft, einiges offenzulassen und zugleich einen befriedigenden Abschluss zu finden. Außerdem hat mich der Roman dazu inspiriert, mich genauer über Lavinia Schulz und ihre bizarren Masken zu informieren. Meiner Meinung nach ein sehr empfehlenswertes Buch.

 

Maeve Binchy – Dublin 4

In Dublin bin ich in einem Antiquariat auf diese Sammlung von vier Erzählungen gestoßen. Maeve Binchy kannte ich bislang vor allem als Autorin von unterhaltsamer Wohlfühllektüre, aber dieses Frühwerk von ihr ist sehr anders. Sie schildert darin vier Schicksale im Stadtteil „Dublin 4“ in den 80er Jahren: Eine Hausfrau organisiert eine Dinnerparty, zu der sie die Geliebte ihres Mannes einlädt; ein Mädchen vom Land versucht in der Stadt Fuß zu fassen; eine Studentin schlägt sich mit den Folgen einer ungewollten Schwangerschaft herum und ein Alkoholiker will nach einem Aufenthalt in einer Entzugsklinik einen Neuanfang versuchen.

Die Erzählungen sind Momentaufnahmen, präzise  Blicke in die Lebenswelten von vier ganz unterschiedlichen Menschen. Ob sie Auswege aus ihren Problemen finden, bleibt im Wesentlichen offen, auch wenn ein Teil der Geschichten zumindest ein hoffnungsvolles Ende andeutet. Die letzte Geschichte über den Alkoholiker Gerry stellt vielleicht die realistischste Schilderung dar, ist aber ziemlich trostlos. Ich habe alle vier Kurzgeschichten interessant zu lesen gefunden, auch wenn sie ganz anders waren als ich es von Maeve Binchy erwartet hätte – und definitiv keine Wohlfühllektüre.

 

Jenny Colgan – The Little Shop of Happy Ever After

Dieses Buch ist gewissermaßen das Gegenprogramm zu „Dublin 4“: sehr charmante Wohlfühllektüre, die gar nicht mal versucht realistisch zu wirken. Es geht darin um Nina, eine Bibliothekarin aus Birmingham, die ihren Job verliert und daraufhin ihren Traum verwirklicht, mit einem Bücherbus durch die schottischen Highlands zu fahren.

Da wir bei uns in der Arbeit eine Weile eine Kooperation mit der Far North Mobile Library in Schottland hatten, mussten meine Kollegin und ich dieses Buch einfach lesen, auch wenn es hier nicht um eine mobile Bücherei, sondern eine Buchhandlung geht. Und der Roman ist genauso entzückend (und kitschig) wie er klingt. Abgesehen davon, dass es nach einigen Hindernissen wie die einfachste Sache der Welt wirkt, so eine fahrende Buchhandlung zu gründen, handelt es sich hier um ein Idealbild der schottischen Highlands, das es so wahrscheinlich nirgends gibt. Dazu kommen noch zwei Love Interests, bei denen schnell klar ist, wer am Ende das Rennen machen wird. Ich habe die Lektüre dennoch sehr genossen. Dieses Buch war einfach wie eine kuschelige Decke, mit sympathischen Figuren, idyllischen Dörfern, herzerwärmenden Szenen und dem beruhigenden Wissen, dass alles gut ausgehen wird. Solange man nichts groß hinterfragt, sondern einfach genießt, ist es eine unglaublich nette Lektüre.

5 thoughts on “[Kurzrezensionen] Von Berlin nach Dublin in die schottischen Highlands

  1. Das Buch von Jenny Colgan erscheint im März auf Deutsch. Ich habe es gerade direkt mal auf meine Wunschliste gesetzt. Das hört sich ja wirklich nach einem absoluten Wohlfühlbuch an – und dann auch noch mit buchigem Thema!

  2. Ich finde auch, trotz Kitsch und mancher Vorhersehbarkeit – manchmal muss es eben genau so ein Buch sein, das man liest. Interessant auch, dass Maeve Binchy mal so etwas düsteres schreibt. Ich habe früher ihre Bücher auch geliebt, habe mich da richtig drin verloren in meiner Jugendzeit (lange ist´s her!). Einige Jahre später habe ich dann mal erneut zu einem dieser Bücher gegriffen, die mir mit 16 so wichtig waren und schön erschienen, und konnte tatsächlich gar nichts mehr damit anfangen. Das hat mich schnell gelangweilt und ich habe es wieder beiseite gelegt, aber mit ganz schlechtem Gewissen – kam mir vor wie Verrat an einem alten Lieblingsbuch… 😀 Aber ich glaube, für die Bücher von Maeve Binchy muss man in der richtigen Stimmung sein und sie zur richtigen Zeit erwischen. Sonst kann es eben sein, dass sie einem mal so gar nicht gefallen.
    Achso, und auf „Pixeltänzer“ bin ich jetzt doch wieder sehr neugierig. Bisher schlich ich um dieses Buch herum, weil ich nicht weiß, ob das so das richtige für mich ist. Aber jetzt bist du eine weitere Person, der es gefällt, also werde ich das mal im Hinterkopf behalten.

    1. Ich weiß gar nicht, ob mir die anderen Bücher von Maeve Binchy noch gefallen würden. Damals habe ich „Die irische Signora“, „Cathys Traum“, „Ein Haus in Irland“ und „Wiedersehen bei Brenda“ gelesen. Es würde mich ja schon reizen, es mit einem davon (oder einem ganz anderen) nochmal zu probieren.

  3. Ich schließe mich Tine mal an – wobei ich „The Little Shop of Happy Ever After“ nicht auf die Wunschliste, sondern auf den Bibliotheksmerkzettel gesetzt habe, weil es nach dem perfekten Wohlfühlbuch (vielleicht gegen akutel sommerliche Leseunlust?) klingt. 🙂

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