Historisch Rezensionen

Robert Löhr – Das Erlkönig-Manöver

Genre: Historischer Roman
Seiten: 368
Verlag: Piper
ISBN: 978-3492049290
Meine Bewertung: 5 von 5 Sternchen

Historien-Challenge (1789-1815)

Ein aberwitziger Auftrag führt Goethe und Schiller quer durch Deutschland und bis hinein in den Kyffhäuser: Sie sollen den wahren König von Frankreich befreien und in Sicherheit bringen. Unterstützt werden sie dabei von Heinrich von Kleist, Alexander von Humboldt, Achim von Arnim und Bettine Brentano.

Eine Auflistung, die sich ein wenig liest wie eine „Liga der außergewöhnlichen Gentleman“ der deutschen Dichter. Und tatsächlich scheint der Vergleich nicht einmal so weit hergeholt: Wenn Goethe und Kleist mit Pistolen gegen die Feinde vorgehen und Schiller sich als Meister der Armbrust erweist, hat man kurzfristig das Gefühl, in einem Hollywood-Actionspektakel gelandet zu sein.
Doch obwohl ich anfangs sehr skeptisch war und Angst vor unfreiwilliger Komik hatte, konnte mich der Roman schnell in seinen Bann ziehen. Robert Löhr präsentiert hier eine „was wäre wenn“-Geschichte, die trotz aller Absurditäten seltsam authentisch wirkt. Vermutlich liegt es an der Sprache, die – gerade in den Dialogen – oft tatsächlich eher wie ein Werk des 19. Jahrhunderts klingt als ein moderner Roman. Dabei verwendet Robert Löhr unverfroren zahlreiche Originalzitate und bringt sie teils in recht ungewöhnliche Zusammenhänge.

Von unfreiwilliger Komik kann glücklicherweise nicht die Rede sein – im Gegenteil: Robert Löhr überzeugt mit Wortwitz und Situationskomik und macht auf diese Weise vor allem die erste Hälfte des Romans zu einem großartigen Lesespaß.
Umso mehr die Handlung voranschreitet, umso ernstere Töne schlägt der Roman allerdings an, und es gab so einige Stellen, die mich wirklich beklommen machten. Ein ängstlicher Blick auf die Jahreszahl – 1805 – ließ mich vor allem im Hinblick auf Schiller zum Ende hin immer mehr bangen.
Dennoch geht dem Roman bis zum Schluss nicht der Humor abhanden, und obwohl ich oft kein Fan von witzigen Büchern bin, musste ich hier einige Male leise vor mich hinkichern oder gar laut losprusten.

Das Herrlichste an dem Roman sind aber die Figuren. Anfangs fragte ich mich, weshalb der Autor unbedingt auf derart bekannte historische Persönlichkeiten zurückgreifen musste und nicht einfach fiktive Figuren wählen konnte. Bald hatte ich aber doch meine Freude daran, die Dichter und Naturforscher auf ihrer aberwitzigen Reise zu begleiten.
In punkto Sympathie macht ganz klar Schiller das Rennen. In seiner Freundschaft zu Goethe, seinem Vertrauen in die Reisegefährten und mit seinen hohen Idealen wirkt er einfach ungemein sympathisch. Ganz entzückend ist auch Bettine Brentano als eigenwilliges und tatkräftiges Mädchen, das Goethe nahezu anhimmelt. Goethe selbst hielt mich als Leserin mit seiner unnahbaren Art eher auf Distanz, was sicher so gewollt ist. Interessant ist auch Kleist mit all seinem Zorn und seine Zerissenheit, während Humboldt und Achim von Arnim vergleichsweise ein wenig blass bleiben. Vor allem letzterer ging mir oft gewaltig auf die Nerven.
Der Roman lebt wirklich von diesen Figuren, und auch wenn Robert Löhr sie recht respektlos von ihren Sockeln zerrt und sie durch allerlei Abenteuer jagt, wirken sie stets glaubwürdig und niemals lächerlich.

Kurz gesagt: Dieser Roman macht einfach Spaß, ist ungemein spannend und bietet dazu noch sehr anschauliche Beschreibungen so einiger Orte im 19. Jahrhundert. Umso mehr Hintergrundwissen man über die Dichter mitbringt, umso mehr nette Details kann man entdecken, wobei man sich auch ohne jegliches Wissen problemlos in dem Roman zurechtfinden wird. Auf alle Fälle aber macht er Lust darauf, sich genauer zu informieren und herauszufiltern, was nun reine Fiktion ist und was doch überlieferte Tatsache.
Ich kann den Roman nur weiterempfehlen und vergebe begeisterte 5 von 5 Sternchen.

10 thoughts on “Robert Löhr – Das Erlkönig-Manöver

  1. Erlkönigmanöver! Ich LIEBE diesen Roman – obwohl ich mich bisher noch nicht entscheiden konnte, ob es jetzt wirklich ein gutes Buch ist, oder nur eines, das mich glücklich macht.

    Sehr unterhaltsame Rezension, übrigens!
    Lustig, von den Charakteren fand ich eigentlich Arnim ganz unterhaltsam. Wobei mein erklärter Liebling definitiv Kleist gewesen sein dürfte. Und ja, Humboldt war… auch da.

    Einen Nachfolgeband – Das Hamletkomplott – gibt es übrigens auch, kann ich Dir borgen, wenn Du möchtest!

    Liebe Grüße
    V.

  2. Also ein Buch, das mich glücklich macht, betrachte ich subjektiv einfach mal als gutes Buch – und objektiv kann man bei so etwas ja ohnehin nicht sein. 😉
    Bei Kleist fand ich anfangs die Penetranz mit seinem zerbrochnen Krug etwas nervig. Aber er hat mich irgendwie berührt mit seinen heftigen Gefühlen und dem ganzen Zorn, der ihn ihm brodelt. Da hat man bereits das Gefühl: Das kann nicht gutgehen.

    Vom "Hamlet-Komplott" hab ich schon gehört, aber ich bin mir noch nicht sicher, ob ich es tatsächlich lesen möchte. Erstens kein Schiller und zweitens bin ich mir nicht sicher, ob dieses Konzept nochmal funktioniert oder ob es im "Erlkönig-Manöver" nur deshalb funktioniert, weil es neu und erfrischend anders ist.
    Aber vielleicht komm ich noch darauf zurück. 🙂

    Liebe Grüße,
    Neyasha

  3. Mir geht es, trotz deiner überschwänglichen Rezension, noch so wie dir vorm Lesen: Ich kann mir gerade noch nicht vorstellen, dass das ein gutes Buch ist. Aber falls es mir mal über den Weg läuft und mich anlächelt (das machen Bücher bei mir ganz oft!!! 😉 ), dann denk ich an deine positive Meinung und wer weiß….

    Einen schönen Urlaub wünsch ich dir

  4. Dann hoff ich sehr, dass es deinen Geschmack auch wirklich trifft. 🙂

    @Christine: Vielleicht kannst du mal irgendwo in das Buch reinlesen. Ich hätte hier auch gern noch einen Dialog zitiert, um ein bisschen was von dem Stil und dem Humor des Romans zu zeigen, aber dummerweise hatte ich ihn schon in die Bücherei zurückgebracht, als ich die Rezension geschrieben habe.

  5. Tolle Rezension!
    Ich glaube, das Buch trifft ganz genau den Geschmack meines Vaters, für den ich noch ein Geschenk brauche. Deshalb danke für den Tipp! 🙂
    (Ich werds mir dann mal von ihm ausleihen, wenn er es durchgelesen hat).

    LG von hannah

  6. Freut mich, dass du mit meinem Tipp etwas anfangen kannst. Ich hoffe sehr, dass der Roman auch wirklich dem Geschmack deines Vaters entspricht.
    Und dir selbst wünsche ich dann auch viel Spaß beim Lesen! 🙂

  7. kann mir jemand helfen? ich suche von goethe originalzitate (im buch "erlkönig-manöver" , habe aber noch nicht genug gefunden. Danke 🙂

  8. Vermutlich ist das jetzt eh schon zu spät, aber: Du suchst Originalzitate, die im Erlkönig-Manöver vorkommen? Ich kann dir da leider gar nicht weiterhelfen, da ich das Buch nur aus der Bücherei ausgeliehen hatte und also nicht nachschauen kann.

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