Rezensionen Sachbuch

Rüdiger Safranski – Schiller oder Die Erfindung des Deutschen Idealismus

erschienen bei Hanser

Vor einigen Jahren habe ich von Rüdiger Safranski „Goethe & Schiller. Die Geschichte einer Freundschaft“ gelesen, das mich so begeistert hat, dass ich von ihm unbedingt noch mehr lesen wollte. Da mich Schiller als Persönlichkeit immer schon sehr fasziniert hat (obwohl ich um seine Werke selbst im Germanistikstudium eher einen Bogen gemacht habe), hatte ich an dieser Biografie natürlich besonders viel Interesse.

Mit 560 kleinbeschriebenen Seiten ist das Buch ein wenig einschüchternd, aber Safranski schafft es schnell, einen in das Buch und in Schillers Leben hineinzuziehen. Besonders die jungen Jahre lesen sich fast wie ein spannender Roman – Schillers Konflikte mit der Obrigkeit, seine Flucht aus Württemberg und sein Kampf gegen Armut und um die feste Anstellung an einem Theater sind emotional mitreißend, auch wenn man weiß, dass erfolgreichere Jahre auf ihn warten.

Was ich bei diesem Buch teilweise etwas mühsam zu lesen fand, waren die sehr ausführlichen philosophischen Exkurse. Diese sind durchaus interessant und auch insofern wichtig, da Schiller nicht nur selbst philosophische Schriften verfasst hat, sondern auch verschiedene Denkansätze in sein literarisches Werk eingeflossen sind. Dennoch war ich stellenweise ein wenig davon überfordert. Man muss wohl nicht nur Interesse, sondern auch einige Erfahrung mit der Materie mitbringen. Obwohl ich mich früher sehr für Philosophie interessiert und auch darin maturiert habe, ist es mir manchmal schwer gefallen, Safranski zu folgen.

Dafür gelingt es dem Autor aber exzellent, den damaligen kulturellen und geistigen Hintergrund sowie Schillers Bedeutung und Einfluss darauf (sowohl literarisch als auch geschichtlich und philosophisch) herauszustreichen. Wenn Safranski die wechselseitigen Einflüsse der Größen des Deutschen Idealismus (Kant, Fichte, Hegel, Schelling) und der Literaten jener Zeit (Wieland, Goethe, Schiller, Schlegel, Novalis, Tieck) beschreibt, hat man wirklich das Gefühl es mit einer Sternstunde der europäischen Kulturgeschichte zu tun zu haben – und man wünscht sich fast, man wäre dabei gewesen. Ja, das klingt jetzt furchtbar pathetisch, aber es ist genau diese Art von Begeisterung und Fasziniation, die Schiller offensichtlich auch in seinen Mitmenschen entfachen konnte und Safranski gelingt es meisterhaft diese einzufangen.

Neben der Philosophie, den kulturellen und geschichtlichen Hintergründen und der Person Schiller kommen aber auch seine Werke nicht zu kurz. Safranski fasst diese jeweils so gut zusammen, dass man den folgenden literarischen Betrachtungen problemlos folgen kann, auch wenn man die Texte nicht gelesen hat. Oben habe ich geschrieben, dass ich um Schillers Werke im Studium einen großen Bogen gemacht habe (Schuld daran war die Lektüre von „Kabale und Liebe“ in der Schule), aber nach der Lektüre von Safranskis Buch habe ich auf einmal den Wunsch alles von Schiller zu lesen.

Im Vergleich zu Schillers frühen Jahren und der Analyse seiner Werke kommen die letzten Jahre samt seiner Ehe und seiner Freundschaft zu Goethe etwas kurz. Das liegt zum Teil natürlich an dem schon erwähnten Werk speziell zu der Freundschaft zwischen Goethe und Schiller, die die letzten Jahre auch wesentlich bestimmte, aber dadurch entsteht doch der Eindruck eines kleinen Ungleichgewichts.

Trotz meiner Kritikpunkte hat mir die Schiller-Biografie von Rüdiger Safranski sehr gut gefallen und ich denke, dass nun auch seine Goethe-Biografie noch bei mir Einzug halten wird.

2 thoughts on “Rüdiger Safranski – Schiller oder Die Erfindung des Deutschen Idealismus

  1. Salut, Neyasha.
    Hoffe der Jänner hat Dich wohl in das Jahr gezogen. 🙂
    Schiller war mir wohl sehr früh die näherere historische Person als Goethe; was mit seinen frühen Jahren zu tun haben mag. Rein literarisch habe ich an beide keine sonderliche Bindung entwickelt (in den Deutschstunden hat mich mehr die Literatur des frühen 20. Jahrhunderts angesprochen). Über Schillers Vita habe ich allerdings gern Dinge erfahren. Vermutbar, weil ich ein Faible für Geschichte habe.

    Wenn der Autor in seiner philosophischen Quer-Knoterei unübersichtlich zu werden droht (wie Du anmahnst), poliert er möglicherweise ein wenig zusehr den (eigenen) Elfenbeinturm?
    Eine intensive Beschäftigung mit Schiller & Goethe scheint den Literaturwissenschaftler offensichtlich nicht vor Liebeleien mit Maoismus (einst) oder rechtslastigen Ansichten zu feien . Schade, im Grunde.

    bonté

    1. Ich mag die Werke von Goethe sehr gern, habe mich für sein Leben aber stets nur mäßig interessiert. Jetzt werde ich mich aber wohl doch mal in Form von Safranskis Biografie damit beschäftigen.
      Dass Safranski selbst Philosophie studiert hat, dürfte wohl dazu geführt haben, dass er etwas übers Ziel hinausgeschossen ist. Schade (auch, dass das so durchs Lektorat ging).

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