Phantastisch Rezensionen

Guy Gavriel Kay – Lord of Emperors

erschienen bei Penguin Random House
2. Band von „The Sarantine Mosaic“

Crispin, Mosaikmeister aus Varena, würde in Sarantium gern in Ruhe das Mosaik legen, mit dem er von Kaiser Valerius II beauftragt wurde, aber es scheint unmöglich, sich von all den politischen Intrigen in der Stadt fernzuhalten. Und so werden nicht nur er und seine Gefährten, mit denen er nach Sarantium kam, sondern auch der Wagenlenker Scortius, die Tänzerin Shirin und der bassanidische Arzt Rustem in das Spiel der Mächtigen hineingezogen.

 

In der Rezension des ersten Bandes „Sailing to Sarantium“ habe ich sehr ausführlich die Hintergrundwelt dieses Fantasy-Zweiteilers vorgestellt. Nun, da es mehr noch als im ersten Teil um Ränkespiele und Machtverhältnisse geht, ist es an der Zeit, ein wenig die politischen Hintergründe vorzustellen: Als vor fünfzehn Jahren Kaiser Apius ohne Erben starb, war der einflussreiche Adlige Flavius Daleinus der heißeste Anwärter für den Thron. Aber er wurde auf der Straße brutal ermordet und stattdessen kam der Onkel von Valerius II auf den Thron. Als nun Jahre später Valerius selbst regiert, halten sich noch immer hartnäckig die Gerüchte, dass er damals hinter dem Mord an Flavius Daleinus steckte. Und viele glauben, dass dessen Tochter Styliane Daleina, die nun mit Valerius‘ Strategen verheiratet ist, noch immer auf Rache aus ist.

Diese Ereignisse der Vergangenheit hat man in „Sailing to Sarantium“ im Prolog miterlebt und sie wirken noch stark in die Gegenwart nach, was dem Roman sehr schön das Gefühl von historischer Tiefe verleiht. Viele sehen es nicht gern, dass Valerius die ehemalige Tänzerin Alixana zu seiner Kaiserin gemacht hat und auch der Kaiser selbst wird nicht uneingeschränkt unterstützt. Valerius ist eine sehr spannende Figur – ein intelligenter, gebildeter und sympathischer Mann, der die Wissenschaften fördert, umgekehrt aber auch mit gnadenloser Brutalität vorgehen kann. Da seine Ehe kinderlos geblieben ist, möchte er sich mit prächtigen Bauwerken unsterblich machen (auch wenn er dafür viel zu hohe Steuern eintreiben muss) und Rhodias mit seiner derzeitigen Hauptstadt Varena wieder ins Sarantinische Reich eingliedern. Rhodias ist quasi Kays Westrom, ein ehemaliges Weltreich, dessen Glanz verblasst ist und das nun von den „barbarischen“ Antae regiert wird. Gisel, die junge Königin der Antae, hat nach dem Tod ihres Vaters Probleme den Thron zu halten und verfolgt ihre eigenen Ziele mit Valerius.

Dazu kommen noch die verschiedenen religiösen Strömungen, Konflikte mit dem Nachbarreich Bassania und Unruhen in Sarantium selbst. Die komplexen politischen Verhältnisse, die schon in Band eins eine Rolle spielten, entfalten sich nun gänzlich im zweiten Band und verschlingen sich immer stärker, bis sich schließlich die Ereignisse überschlagen und nicht nur Crispins Leben bedroht ist.

Obwohl ich den Reiseplot des ersten Teils liebe, finde ich „Lord of Emperors“ noch spannender zu lesen. Kay orchestriert all die Intrigen und Machtspiele meisterhaft und es schleicht sich im Laufe des Romans ein immer stärkeres Gefühl der Bedrohung und der unangenehmen Vorahnung ein. Wie so oft bei Kay herrscht eine eher melancholische Grundstimmung, wobei aber auch humorvolle Szenen nicht zu kurz kommen. Es gibt zudem eine Reihe von unerwarteten Wendungen, die auch Kenner der byzantinischen Geschichte überraschen dürften, da Kay sich im Laufe der Handlung immer stärker von den historischen Vorlagen entfernt.

Es werden ein paar neue Figuren eingeführt (etwa der Arzt Rustem), während man die anderen Figuren besser kennenlernt und immer wieder neue Seiten an ihnen entdeckt. Kay hat in diesem Zweiteiler wirklich eine ganze Reihe von vielschichtigen Figuren erschaffen, wobei ich in dem Zusammenhang auch einen kleinen Kritikpunkt habe:

Als ich „The Sarantine Mosaic“ zum ersten Mal gelesen habe, war ich ganz begeistert von den interessanten und komplexen Frauenfiguren, die nicht (wie in manch anderen Fantasyromanen) nur schmückendes Beiwerk oder Jungfrauen in Nöten sind.  Nun aber, da ich von Kay noch viele weitere Romane gelesen habe, finde ich, dass er den Typus der intelligenten, einflussreichen und schönen Frau, die Sex zu Machtzwecken einsetzt, etwas überstrapaziert. Das ist etwas, was vielleicht erst störend auffällt, wenn man mehr von ihm liest und also nicht speziell ein Problem dieses Zweiteilers. Ich finde sogar, dass er hier mit Styliane eine seiner interessantesten und „grauesten“ Figuren geschaffen, sowie mit Kasia und Shirin die bekannten Muster ein wenig durchbrochen hat. Trotzdem sehe ich seine Frauenfiguren inzwischen etwas kritischer und habe den Eindruck, dass seine männlichen Figuren tendenziell besser durchdacht und differenzierter gezeichnet sind.

Trotz dieses Kritikpunktes hatte ich erneut das Gefühl, als wären die Sarantium-Bücher ganz allein für mich geschrieben worden. In der Welt von Sarantium fühle ich mich so wohl wie sonst in kaum einer Fantasywelt und ich hätte gern noch mehrere hundert Seiten lang mit Crispin und all den anderen zusammen verbracht. Es gibt in „Lord of Emperors“ einige Abschiede und sie alle sind mir umso schwerer gefallen, weil sie mich gleichzeitig dem Abschied von den Romanen und dieser Welt näher gebracht haben.

Würde ich also „The Sarantine Mosaic“ wärmstens weiterempfehlen? Um ehrlich zu sein, weiß ich es nicht. Mir war beim Lesen durchaus bewusst, dass die Romane ein paar Schwächen haben und der Stil von Kay vermutlich nicht jedermanns Sache ist, aber mich persönlich haben die Schwächen überhaupt nicht gestört. Ich fühle mich außerdem diesen Romanen emotional so verbunden, dass ich es nicht schaffe sie auch nur ansatzweise objektiv zu betrachten.

Ich glaube, man findet nur ganz selten Bücher, die so einen Nerv treffen, die so für einen gemacht sind und die man mit einem solchen Gefühl der Trauer zuklappt – einfach nur, weil man traurig ist, dass sie zu Ende sind. Manchmal kommt es mir vor, dass ich mein ganzes Leseleben lang auf der Suche nach solchen Büchern bin und wenn ich sie dann ab und zu finde, dann ist das fast ein magischer Moment.

1 thought on “Guy Gavriel Kay – Lord of Emperors

  1. Ja, solche Bücher gibt es viel zu selten und es ist immer ein besonders kostbarer Moment, wenn an sie entdeckt. Schön, dass dich „Lord of Emperors“ nicht enttäuscht und deine Reise in diese Welt dich wieder so gut unterhalten hat. 🙂

    Ich weiß allerdings immer noch nicht, ob ich die Geschichte jemals gelesen habe oder nicht, aber es ist schön deine (wenn auch nicht uneingeschränkte) Begeisterung zu dem Roman zu lesen. 🙂

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