Gegenwartsliteratur Liebesroman Mystery Rezensionen

[Kurzrezensionen] Von Briefen, Burgen und Stränden

Jessica Brockmole – Eine Liebe über dem Meer

Das Buch, das im Englischen den weniger generischen und sehr treffenden Titel „Letters from Skye“ trägt, erzählt in Briefen von der Liebe zwischen der schottischen Schriftstellerin Elspeth und dem Amerikaner David während des 1. Weltkriegs. In einer weiteren Zeitebene forscht Elspeths Tochter während des 2. Weltkriegs dieser Liebesgeschichte nach.

Das Buch ist ein reiner Briefroman und kämpft mit den üblichen Problemen dieses Formats: Man erlebt viele Erlebnisse (auch Schlüsselmomente) nicht direkt mit und diese müssen daher in späteren Briefen reflektiert oder anderen Personen berichtet werden. Jessica Brockmole hat das durchaus geschickt gelöst und nur selten wirken Passagen allzu gezwungen oder konstruiert. Das Buch ist schön zu lesen, aber ganz überzeugen konnte es mich trotzdem nicht. Ich bin einfach über einige Punkte gestolpert, weil ich sie nicht allzu realistisch bzw. teilweise auch allzu vorsehbar und klischeehaft fand. Nett zu lesen, aber auch nichts, was mir allzu lange im Gedächtnis bleiben wird.

 

Laura Andersen – Das geheime Turmzimmer

Carragh kann ihr Glück kaum fassen, als sie von Lord Aidan Gallagher den Auftrag erhält die Bibliothek einer alten irischen Burg zu katalogisieren. Sie hofft, dass sie bei ihren Arbeiten auf Manuskripte eines Schriftstellers stoßen könnte, der im 19. Jahrhundert mit der Tochter des Viscount Gallagher verheiratet war. Aber in Deeprath Castle scheint es noch einige mehr Geheimnisse als verschollene Manuskripte zu geben – so etwa der Mord von Aidans Eltern, der nun 20 Jahre später wieder aufgerollt werden soll.

Ich hatte bei dem Hörbuch mit einer locker-leichten und kitschigen Geschichte gerechnet, die man ohne allzu große Konzentration beim Häkeln horchen kann. Aber der Roman ist mehr Mystery als Romantik und enthält einige Anklänge an „Rebecca“ oder „Jane Eyre“. Es gibt Mordermittlungen, mysteriöse Vorgänge, alte Familiengeheimnisse und erfreulich ausführliche und akkurate Beschreibungen von Carraghs Arbeit in der Bibliothek. Eine Liebesgeschichte ist natürich auch enthalten, aber diese entwickelt sich sehr nachvollziehbar und ich fand beide Hauptfiguren sehr interessant. Eine sehr schöne Mischung aus Schauerroman, Krimi, Liebesgeschichte und Familiensaga – und deutlich düsterer als man bei dem lieblichen Cover vermuten würde.

 

Ian McEwan – On Chesil Beach

England in den 60er Jahren: Edward und Florence wollen an der Küste von Dorset ihre Flitterwochen verbringen. Aber obwohl sie sich lieben, tragen sie ganz unterschiedliche Erwartungen und Ängste vor der Hochzeitsnacht in sich. Da sich beide nicht imstande fühlen über diese zu sprechen, werden diese zu einem unüberwindlichen Hindernis.

Ich fand „On Chesil Beach“ toll zu lesen und halte es für eines der stärksten (und einfühlsamsten) Bücher von Ian McEwan. Edward und Florence sind beide sexuell zwar nicht ahnungslos, aber unerfahren, doch als Kinder ihrer Zeit schaffen sie es nicht, über ihre Gefühle und Ängste zu sprechen. Das führt zu einem Desaster, das umso trauriger ist, da man abgesehen davon eigentlich das Gefühl hat, dass die beiden miteinander glücklich werden könnten. Eine sehr gut geschriebene Novelle, die insofern unbehaglich zu lesen ist, da sie so unaufhaltsam auf eine Katastrophe zusteuert. Obwohl es auch einige sehr schöne Momente gibt, ist das kein angenehmes Buch, aber sehr lesenswert!

2 thoughts on “[Kurzrezensionen] Von Briefen, Burgen und Stränden

  1. „On Chesil Beach“ habe ich vor vielen Jahren auf Deutsch gelesen und fand die Geschichte einfach nur schrecklich frustrierend und deprimierend. Ich muss gestehen, dass mir der Roman so wenig gefallen hat, dass es der bislang einzige Titel des Autors für mich war. Spannend, dass du hingegen den Roman so lesenwert empfunden hast. 🙂

    „Das geheime Turmzimmer“ klingt gut – vielleicht ist das ja das richtige Buch, um mich mal wieder etwas länger zu packen. Zum Glück gibt es das im Bestand der Bibliothek, so dass ich es mir vormerken konnte.

  2. Das kann ich schon nachvollziehen, dass dich „On Chesil Beach“ frustriert hat. Ich fand das Ende des Buches und allgemein die Entwicklungen auch deprimierend, aber die Art und Weise, wie McEwan das Zusteuern auf das Desaster beschreibt und wie er beide Perspektiven so nachvollziehbar schildert, hat mir wahnsinnig gut gefallen. Besser als „Atonement“, das ich damals auch sehr mochte, ich aber nicht weniger deprimierend fand.

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