
Das ist vielleicht ein etwas ungewöhnlicher Beitrag, aber ich möchte gern meine Gedanken zu diesen beiden Romanen von Emily St. John Mandel teilen, ohne reguläre Rezensionen zu schreiben. Ich habe sie nämlich mehr oder weniger parallel zueinander gelesen und kann sie daher nur sehr schwer gänzlich voneinander getrennt betrachten.
Vor etlichen Jahren habe ich „Das Licht der letzten Tage“ von derselben Autorin gehört und war davon sehr fasziniert. Daher war ich an ihren weiteren Veröffentlichungen interessiert, aber ihr nächster Roman „The Glass Hotel“ sprach mich inhaltlich wenig an. Ganz anders war es mit dem „Sea of Tranquility“, das 2023 erschienen ist. In diesem Science Fiction-Roman werden mehrere Handlungsstränge, die sich über den Zeitraum von 1912 bis 2401 erstrecken, über Zeitreisen miteinander verknüpft. Der Einstieg, der von einem britischen Adelsspross erzählt, der von seiner Familie nach Kanada geschickt wird und dort sein Glück sucht, gefiel mir sehr gut. Was zunächst wie ein historischer Roman beginnt, erhält bald erste phantastische Elemente, die mich sehr neugierig auf die weitere Handlung machten.
Als ein erster Zeitsprung nach 2020 zu einer merkwürdigen Musikperformance stattfindet, hatte ich dort das Gefühl es mit Figuren zu tun zu haben, die bereits zu einem früheren Zeitpunkt eingeführt wurden. Nach etwas Recherche stellte ich fest, dass der Roman lose mit „The Glass Hotel“ verknüpft ist. Und so holte ich mir dieses Buch doch aus der Bibliothek, um alle Hintergründe zu bekommen.
In „The Glass Hotel“ geht es um eine junge Frau namens Vincent, in in einem Luxushotel als Barkeeperin arbeitet und dabei den Investor Jonathan Alkaitis kennenlernt. Sie wird zu seiner Vorzeige-Ehefrau und beginnt eine Luxusleben, ohne zu wissen, dass Jonathans Geschäftsmodell auf Betrug aufgebaut ist.
Das sind Themen, die für mich erst einmal nicht so interessant klingen, aber der Roman hat mich erstaunlicherweise von Beginn an gefesselt. Die Geschichte wird aus vielen verschiedenen Perspektiven und teils in Rückblenden erzählt, was sehr gut funktioniert. Ereignisse, die anfangs noch rätselhaft sind, klären sich auf diese Weise nach und nach auf und die Zusammenhänge werden klar. Ich fand die Figuren fast alle sehr interessant und vielschichtig und sie tragen letztendlich den Roman. Aber auch die Schilderung von Jonathans Schneeballsystem und seinen Folgen auf die unterschiedlichsten Menschen, als es schließlich kollabiert, fand ich überraschend fesselnd. Die Hauptthemen um Geld, Gier, Moral und persönliche Lebensträume werden aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet und regen zum Nachdenken an.
Am Ende werden die vielen Handlungsstränge zwar großteils stimmig aufgelöst, allerdings blieb manches für mich doch etwas zu offen. Ich hoffte, dass diese Fragen in „Sea of Tranquility“ beantwortet werden würden und las nun also mit großen Erwartungen diesen Roman weiter. Doch erstaunlicherweise konnte ich diesen nicht mehr so gut hineinfinden wie in „The Glass Hotel“, obwohl mir doch der Anfang so gut gefallen hatte. Aber die Handlungsteile, die in der Zukunft angesiedelt sind, fand ich nicht so interessant wie die Geschichte von Edwin im 20. Jahrhundert. Es geht um Siedlungen auf dem Mond und an anderen Orten im All, um eine Pandemie und um eine Lesereise, die mehrere Welten umspannt. Das alles kam mir sehr episodenhaft vor, ohne richtigen Zusammenhang. Dieser wird zwar durch das übergreifende Thema der Zeitreisen hergestellt, aber ein schlüssiges Ganzes wollte es für mich trotzdem nicht ergeben, auch wenn ich im Laufe der Handlung manche Aha-Erlebnisse hatte. Und leider wurden auch die offenen Fragen aus „The Glass Hotel“ für mich nicht beantwortet. Tatsächlich fand ich es zwar hilfreich, den anderen Roman vorher noch gelesen zu haben, aber es wäre zum Verständnis der Handlung auch nicht weiter notwendig.
Letztendlich fand ich die Ideen hinter „Sea of Tranquility“ interessant und es war schön, wenn sich einzelne Teile ineinanderfügten, aber das Buch kam mir als ganzes etwas zerfasert und beliebig vor. Mir war bis zum Ende nicht klar, weshalb gerade diese Zeitepochen und gerade diese Einzelschicksale gewählt wurden.
Ich bin aber sehr froh, dass der Roman mich dazu gebracht hat, doch noch „The Glass Hotel“ zu lesen, da ich dieses Buch sehr gelungen fand. Ich war durchgehend gefesselt und finde, dass es zu einem runden Ende findet, auch wenn ich es etwas schade fand, dass manches recht offen blieb.
Oh, das ist wirklich spannend! Ich hätte am Anfang deines Textes nicht gedacht, dass das dein Fazit zu den beiden Romanen wäre (und dass du es schaffen würdest, mich auf eine Autorin neugierg zu machen, die ich bislang als „nicht für mich“ eingeordnet hätte). Kein Wunder, dass du keine getrennte Rezension zu den beiden Titeln schreiben wolltest, so finde ich es auch viel faszinierender, weil dein Lesen des einen Buchs, dass des anderen so beeinflusst hat.
Ich habe zunächst versucht, getrennte Rezensionen zu schreiben, es dann aber nach ein paar Anläufen aufgegeben, da sich mein Leseerlebnis bei diesen Romanen in der Tat sehr stark gegenseitig beeinflusst hat. Es freut mich, dass dir die Art dieser Besprechung gefallen hat!
Ich finde es halt interessant, welche Faktoren noch in die Beurteilung eines Buches einfließen. Die eigenen Erwartungen, die Erfahrung mit einem anderen Titel usw. beeinflusst eben doch das Leseerlebnis sehr – und hier konnte ich sehr gut nachvollziehen, wie es dir beim Lesen ergangen ist. Was informativ und unterhaltsam ist. 😀