Rezensionen Sachbuch

Gavin Francis – Dem Nordpol entgegen. Unterwegs im arktischen Europa

erschienen bei Dumont

 

Der schottische Arzt Gavin Francis arbeitete gerade in einer afrikanischen Krankenstation, als er im Gespräch mit einer isländischen Kollegin feststellte, dass er die Länder im Norden, die für ihn praktisch vor der Haustür lagen, nie bereist hatte. Nach seiner Rückkehr aus Afrika brach er zu einer mehrmonatigen Reise auf, von den Shetlandinseln über die Färöer Inseln und Island nach Grönland, weiter nach Spitzbergen und zuletzt nach Lappland. Dabei folgte er Spuren früherer Entdecker und lernte dabei auch die Menschen im Norden kennen.

 

Manchmal gibt es Bücher, bei denen man das Gefühl hat, sie wären speziell für einen persönlich geschrieben worden und „Dem Nordpol entgegen“ war für mich so ein Buch. Dass ich ein Faible für Arktisforschung habe, dürfte kein Geheimnis mehr sein, ich lese gern Reiseberichte (auch historische), mag die isländischen Sagas, habe selbst wunderbare Tage in Norwegen, Island und auf den Färöer Inseln verbracht und träume schon seit Jahren von einer Reise nach Spitzbergen oder Grönland.

Alle diese Komponenten vereint dieser Erfahrungsbericht von Gavin Francis in sich, der gleichzeitig so viel mehr ist. Der Autor beschreibt darin feinfühlig und mit großer Leidenschaft von seiner Reise durch den Norden und von den Begegnungen, die er dort mit den unterschiedlichsten Menschen hatte. Er stößt auf sehr viel Gastfreundschaft und erfährt im Gespräch mit den Leuten von ihrem Leben und wie das Schicksal sie an die oft entlegenen Orte geführt hat. Gavin Francis beschreibt auch die Landschaften und Städte, die er bei seiner Reise kennenlernte, sehr anschaulich und macht sich Gedanken darüber, welche Auswirkungen Entdeckergeist, Fremdherrschaft und Tourismus auf die Gebiete und die dort ansässigen Menschen hatten.

Neben dieser sehr persönlichen Reisebeschreibung spielen aber auch historische Reiseberichte, Sagas und Mythen eine große Rolle. Der Autor folgt bei seiner Reise sozusagen der Route jener Europäer, die vor Jahrhunderten zu den vermeintlichen Grenzen der Erde vorgedrungen waren. Berichte griechischer Seefahrer und irischer Mönche, altisländische Sagas, die von den Besiedlungen Islands, Grönlands und Vinlands erzählen, Beschreibungen nördlicher Handelswege und Reiseerzählungen sind für ihn der Leitfaden. Er versucht, die beschriebenen Wege nachzuvollziehen und erkundet dabei auch vermeintlich unscheinbare Orte, deren historische Bedeutung kaum mehr bekannt ist. Zusammenfassungen der verschiedenen Quellen finden auf eine sehr harmonische Weise Eingang in sein Buch und so ist es auch nicht notwendig, diese vor der Lektüre schon zu kennen.

Von den Spuren der ersten Entdeckung und/oder Besiedlung verfolgt Gavin Francis die Geschichte bis in die Gegenwart. Man bekommt mit „Dem Nordpol entgegen“ also auch einen kurzen Abriss der Geschichte der genannten Gegenden.

Das alles ergibt eine ungemein interessante und unterhaltsame Mischung und macht Lust auf den Norden (oder verstärkt die Sehnsucht, wenn diese schon vorhanden ist). Ich hatte eine unglaubliche Freude mit der Lektüre und hätte gern noch viel mehr von der Reise erfahren. Man spürt, wie schwer es dem Autor gefallen ist, den Norden wieder zu verlassen, und ebenso schwer ist es mir gefallen das Buch zu beenden.

Sein Buch „Empire Antarctica“, in dem er über sein Jahr als Arzt in einer britischen Forschungsstation in der Antarktis schreibt, habe ich mir nach dem Beenden von „Dem Nordpol entgegen“ sofort gekauft.

5 thoughts on “Gavin Francis – Dem Nordpol entgegen. Unterwegs im arktischen Europa

  1. Hyvää päivää, Neyasha.
    Von Sehnsüchten heißt es, sie wären ein genetischer Nachhall jeweiliger Vorfahren. Quasi ein Erbe gemachter Eindrücke. Von daher vielleicht, (D)eine Affinität zu just jener Region in (W)eis(s).
    Ich denke, Gastfreundschaft ist in Landschaften, die Menschen als Ausnahme sehen, eine Notwendigkeit, weil man/frau eben auch auf Gegenseitigkeit angewiesen bleibt. Je extremer die Natur, umso unerbittlicher ist sie für den Menschen; die Erfahrung mussten dann auch die Expeditionen des späten 19. frühen 20. Jahrhunderts machen, die sich allein auf moderne Technik & Wissen verliessen. Beides kann einen schnell im Stich lassen.
    Die Lektüre dürfte aber auch für ein wenig gefühlte Abkühlung Sorge getragen haben… 😉

    bonté

    1. Na, ich weiß nicht, meine Wurzeln liegen mehr im Osten und Süden. Ich habe das Gefühl, dass das bei mir viel mit Büchern zu tun hat, die mich geprägt haben (gerade in einer bestimmten Altersphase). Aber so ganz erklären lässt sich sowas wahrscheinlich nie.
      Für die gefühlte Abkühlung hat es nicht ganz gereicht – vielleicht muss ich dazu erst noch zu „Empire Antarctica“ greifen. 😉

      1. …nun die Jungs & Mädels aus dem kühlen Norden sind von 900 bis 1100 n.Chr. auch ordentlich in allen Himmelrichtungen unterwegs gewesen. 🙂
        bonté

  2. Das klingt gut und spannend – gerade mit den historischen Bezügen. Dummerweise hat die Bibliothek das Buch nicht im Bestand (dafür aber „Empire Antarctica“, falls du darüber nach dem Lesen genauso begeistert schreiben solltest *g*).

    1. Ich hätte eh schon direkt mit „Empire Antarctica“ begonnen, bevor ich dann doch „Blue Lily, Lily Blue“ dazwischen geschoben habe. Aber vermutlich kommt es dann danach dran. 😉

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