Gegenwartsliteratur Rezensionen

Kazuo Ishiguro – The Remains of the Day

erschienen bei Faber & Faber

 

Für den Butler Stevens konzentriert sich seit Jahrzehnten sein gesamtes Leben auf seine Arbeit auf dem Landsitz Darlington Hall, auch als dieser nach dem Tod des Lords an den amerikanischen Millionär Farraday verkauft wird. Als Farraday zu einer längeren Reise in die USA aufbricht, macht sich Stevens zu einer Fahrt durch England auf, um die ehemalige Haushälterin Miss Kenton zu besuchen und zur Rückkehr nach Darlington Hall zu überreden. Die Reise durch Cornwall wird zugleich zu einer Reise in Stevens Vergangenheit.

 

Kazuo Ishiguro wurde 1954 in Japan geboren, lebte aber seit seiner frühen Kindheit in Großbritannien. Für seinen dritten Roman „The Remains of the Day“, der auch verfilmt wurde, erhielt er 1989 den Booker Prize. 2017 wurde ihm der Nobelpreis für Literatur verliehen.

In „The Remains of the Day“ erzählt Ishiguro aus der Sicht eines Butlers, der sein gesamtes Leben lang nur das Ziel hatte, seinem Herrn zu dienen und ein perfekter Butler zu sein. Als er im Sommer 1956 zu der Fahrt durch England aufbricht, blickt er nicht nur auf sein eigenes Leben zurück, sondern auch auf die Appeasement-Politik seines Arbeitgebers Lord Darlington, der in den 1930er-Jahren Konferenzen und geheime Treffen bedeutender europäischer Politiker auf seinem Landsitz abhält.

Stevens stellt die Politik und die Ansichten von Lord Darlington nie in Frage. Um der ideale Butler zu sein, stellt er nicht nur alle persönlichen Bedürfnisse hinter seine Arbeit zurück, sondern hält es auch für seine Pflicht, seinen Dienstherrn nie auch nur in irgendeiner Weise zu beurteilen. Er ist so in seiner Rolle gefangen, dass er sich selbst durch seinen im Sterben liegenden Vater nicht von seinen Aufgaben ablenken lassen möchte. Zur Haushälterin Miss Kenton besteht zwar ein gewisses Vertrauensverhältnis, aber Stevens lehnt dennoch jegliche Art von Freundschaft und Gesprächen über private Themen ab.

Das zeigt vermutlich schon, dass Stevens keine ganz einfache und auch nicht gerade eine sympathische Figur ist. Ich fand es aber sehr faszinierend, über ihn zu lesen. Es ist eine fremde und manchmal zwar ironisch überzeichnete, trotzdem aber authentisch wirkende Gedankenwelt, in die man hier eintaucht. Zugleich handelt es sich bei Stevens um einen sehr unzuverlässigen Erzähler, der noch nicht einmal mit sich selbst ehrlich ist. Er lässt bewusst Wichtiges aus und redet sich alles schön, was nicht in sein Weltbild passt oder ein zu schlechtes Licht auf ihn oder Lord Darlington werfen könnte.

Auch, wenn ich nicht unbedingt Sympathie für ihn empfinden konnte, ist es mir nicht schwer gefallen, mich auf seine Perspektive einzulassen und ich habe ihn unweigerlich bedauert. Am Ende stellt sich – auch für Stevens – die Frage, ob er sein gesamtes Leben der falschen Sache geopfert bzw. verschwendet hat.

 

„The Remains of the Day“ ist ein sehr ruhiges, aber äußerst interessantes Buch über eine untergehende Gesellschaft und einen Butler, der sich mit aller Kraft an den Prinzipien festhalten möchte, die sein ganzes Leben bestimmt haben – völlig ungeachtet dessen, ob sie noch zeitgemäß sind oder es überhaupt jemals waren. Mir hat es sehr gut gefallen, einerseits der interessanten Perspektive wegen und andererseits auch, weil er sprachlich äußerst lesenswert ist. Ich kann mir vorstellen, dass dieser Roman nicht jedermanns Sache ist, aber ich persönlich kann ihn trotz mancher Längen wärmstens weiterempfehlen. Auch der leise Humor und der durchaus ironische Blick auf die britische Upper Class haben mir gut gefallen.

Sehr gelungen ist auch die ungekürzte Hörbuchfassung, die von Dominic West ganz wunderbar gelesen wird.

3 thoughts on “Kazuo Ishiguro – The Remains of the Day

  1. Hoi, Neyasha.
    Im Grunde unterscheidet sich die Einstellung Stevens‘ nicht sonderlich vom Kadavergehorsam, den sich vor allem totalitär denkende Strukturen zu Eigen machen & befördern. Eine bewusste Degradierung des eigenen Ichs zum allzeit verfügbaren Werkzeug. In der letzten Konsequenz ein humanistischer Offenbarungseid.
    Kein eigenes Leben gehabt zu haben, mag hier dann noch die mildeste Konsequenz sein.

    bonté

  2. Ich mag die Verfilmung mit Anthony Hopkins sehr.
    Für mich ist Stevens eine traurige Figur, dem mit dem Ableben seines Dienstherren seine Aufgabe abhanden gekommen ist . Er ist sozusagen in seiner Zeit stecken geblieben und es fehlt im die Flexibilität, sich den neuen Zeiten anzupassen. Kadavergehorsam würde ich das nicht nennen wollen.
    LG
    Sandra

    1. Die Verfilmung möchte ich mir auf jeden Fall auch noch ansehen.
      Stevens habe ich auch so wahrgenommen wie du – besonders traurig fand ich etwa auch, wie er versucht Humor zu „erlernen“, um seinen neuen Dienstherrn zufriedenzustellen.

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