Kinderbuch Krimi/Thriller Rezensionen

[Kurzrezensionen] Von Schmugglern, Oberschurken und Wissenschaftlern

Kate Milford – Greenglass House

Der zwölfjährige Milo wohnt mit seinen Eltern in „Greenglass House“, einem Hotel über einer fiktiven Hafenstadt, in dem häufig Schmuggler absteigen. Da hier im tiefsten Winter meist nicht viel los ist, freut Milo sich auf ruhige Weihnachtsferien. Stattdessen muss er sich auf einmal mit einer Reihe von seltsamen Gästen herumschlagen – und als ob das nicht genug wäre, kommt es in dem eingeschneiten Haus bald auch zu einer Reihe von Diebstählen.

Dieser Kinderkrimi ist ein eher ruhiges Buch, zwar mit einer ganzen Reihe von Rätseln, zugleich aber auch kuschelig und behaglich. Neben der Frage nach dem Dieb und was es mit all den Gästen auf sich hat, geht es vor allem um Milo und seine innere Entwicklung. Er ist adoptiert und liebt zwar seine Familie, stellt sich aber doch manchmal auch Fragen um seine Herkunft und seine Identität. Im Umgang mit anderen Menschen oder ungewohnten Situationen tut er sich manchmal schwer. Hier hilft ihm die gleichaltrige Meddy, die ihn in ein Rollenspiel einführt, das ihnen helfen soll, all den eigenartigen Vorgängen im Haus auf die Spur zu kommen. Gleichzeitig bedeutet das für Milo auch, dass er bewusst in eine andere Rolle schlüpfen und so über sich hinaus wachsen kann. Das alles zusammen mit dem schönen Rätselplot und einer Reihe von interessanten Nebenfiguren ergibt ein sehr schönes Buch, das allerdings zu Beginn seine Längen hat und mich nicht immer fesseln konnte. Trotzdem ein sehr empfehlenswertes Buch für kalte Winterabende!  

 

Thomas Brezina – Alte Geister ruhen unsanft

Wer in den 90er Jahren in Österreich aufgewachsen ist, ist praktisch nicht um sie herumgekommen: um die Knickerbocker-Bande, eine vielbändige Krimireihe rund um vier Kinderdetektive, die die absurdesten Fälle lösen. Ich war im Alter von etwa 10 bis 12 Jahren süchtig nach Lilo, Axel, Dominik und Poppi, bis ich der Reihe entwachsen bin und danach auch keine Lust mehr hatte, noch einmal in sie einzutauchen. Offensichtlich war mir schon früh klar, dass diese Reihe anders als manche andere Kinderbücher nicht gut altern wird.

Als 2017 ein neuer Krimi rund um die vier erschienen ist, der 20 Jahre später spielt und sich an Erwachsene (genauer: nostalgische Fans) richtet, war ich daher skeptisch. Aber die Neugierde hat gesiegt und so habe ich schließlich doch diese späte Fortsetzung gelesen. Und ganz ehrlich: das hätte nicht sein müssen. Die Geschichte rund um eine mysteriöse Insel und einen Oberschurken, der im Hintergrund die Fäden zieht, ist ebenso hanebüchern wie viele der alten Fälle. Nur richtet Brezina sich dieses Mal an ein erwachsenes Publikum und da ist es schon etwas schwerer, die Plotlöcher, die schludrige Recherche und den mehr als simplen Schreibstil zu verzeihen. Ja, das Buch war recht unterhaltsam zu lesen, aber das lag eher daran, dass es teilweise unfreiwillig komisch war. Nicht alles, was früher erfolgreich war, braucht später ein Revival …

 

Carola Dunn – Rattle His Bones

Im 8. Band der Krimis rund um Daisy Dalrymple, eine Journalistin im London der 20er Jahre, verschlägt es die Protagonistin ins Natural History Museum, über das sie einen Artikel schreiben soll. Aber Daisy wäre nicht Daisy, würde sie nicht prompt über eine Leiche stolpern. Das bringt ihren Verlobten Alec Fletcher von Scotland Yard auf den Plan, der nicht besonders glücklich darüber ist, dass seine Liebste schon wieder mitten in einen Fall gestolpert ist.

Die Krimis von Carola Dunn sind nette, gemütliche Bücher, die in bester „Cosy Crime“-Manier ohne allzu viel Gewalt oder Blut auskommen. Bei „Rattle His Bones“ dauert es – nach einem Prolog, der einen Diebstahl beschreibt – sogar eine ganze Weile, bevor überhaupt der Kriminalfall ins Spiel kommt. Da das Museum und all seine Mitarbeiter so wunderbar beschrieben werden, hat mich das aber überhaupt nicht gestört. Tatsächlich spielt das Setting hier eine sehr große Rolle und man kann dabei auch Kuratoren, Paläontologen und Mineralogen ein wenig über die Schulter schauen, was mir viel Freude gemacht hat. Der Fall selbst ist relativ simpel gestrickt, war aber zumindest für mich auch nicht zu früh zu durchschauen.

Nicht ganz so gelungen fand ich die Hörbuchumsetzung, da Lucy Rayner einige Figuren mit einer so hohen, schrillen Stimme spricht, dass ich es ziemlich unangenehm fand.

4 thoughts on “[Kurzrezensionen] Von Schmugglern, Oberschurken und Wissenschaftlern

  1. Ich habe früher in Prüfungssituationen gern zu Büchern gegriffen, die ich als Kind mochte. Also entweder zu Titeln von Tina Caspari, Enid Blyton oder zu Reihen wie die drei Fragezeichen. Aber Thomas Brezina hat mich nie gereizt, obwohl es massenhaft Titel von dem in der Bibliothek gab. Spannend zu sehen, dass der anscheinend wirklich nicht so gut für erwachsene Leser zu lesen ist. 😉

    Die Längen in „Greenglass House“ sind wirklich unübersehbar, aber ich mag es igendwie, dass die Autorin sich Zeit für bestimmte Elemente und Szenen nimmt. Bei der Fortsetzung ist es genauso, aber auch da habe ich es wieder genossen – vielleicht sogar noch ein bisschen mehr, weil ich ja wusste, was auf mich zukommt.

    1. Mit Brezina muss man wirklich aufgewachsen sein, um damit etwas anfangen zu können. Wenn ich es mit anderen Kinderkrimireihen vergleiche, war auch das Zeitfenster, in dem ich die Knickerbockerbande gelesen habe, ziemlich kurz.

      Ich hoffe, ich komme bald dazu, die Fortsetzung von Greenglass House zu lesen. Aktuell kommen mir mal wieder alle möglichen anderen Bücher dazwischen …

  2. „Greenglass House“ ist auch auf meiner Wunschliste. Gut, dass ich jetzt weiß, dass ich mich auf einige Längen einstellen muss.

    Und schade, dass du mit deiner „Knickerbocker Bande“ nicht mehr das gleiche Lesegefühl erreicht hast wie früher. Das würde mir mit einigen meiner liebsten Kinderbücher sicherlich auch so gehen.

    Liebe Grüße
    Tine

    1. Das ist auch eine „Angst“, die immer mitspielt, wenn ich geliebte Kinderbücher mal wieder lese. Und ich finde es interessant, dass es einerseits Kinderbücher gibt, die ich auch als Erwachsene uneingeschränkt lieben kann (z.B. vieles von Astrid Lindgren), dann Bücher, die ich aufgrund des nostalgischen Blicks noch immer mag, obwohl ich sie in einigen Punkten problemtisch finde (z.B. Fünf Freunde) und andererseits auch solche wie die Knickerbockerbande, die mir tatsächlich als Erwachsene keine Freude mehr bereiten.

      Ich wünsche dir eine schöne Lesezeit mit Greenglass House!

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