Klassiker Rezensionen

Nevil Shute – A Town Like Alice

erschienen bei Penguin Random House
(andere Ausgabe als meine)

 

Jean Paget ist eine junge Engländerin, die während der japanischen Besetzung in British Malaya arbeitet. Zusammen mit einer Gruppe von Frauen und Kindern wird sie zu einem kilometerlangem Marsch gezwungen, um ein Gefangenenlager zu erreichen, das sie aufnehmen kann. Als sie einige Jahre später in London als Sekretärin arbeitet, erbt sie überraschend eine hohe Summe Geld. Sie beschließt, das Geld dafür zu nutzen, um einem malayischen Dorf zu helfen, das sie damals während der Gefangenschaft unterstützt hat. Von dort führt sie ihr Weg nach Australien, wo sie sich auf die Suche nach einem australischen Soldaten macht, der ihr während des Kriegs geholfen hat – und wo sie aus einer trostlosen Ortschaft im Outback eine blühende Stadt wie Alice Springs machen möchte.

„A Town Like Alice“ ist 1950 erschienen und wurde schnell zu einem Bestseller; der Roman befand sich auch 2003 noch auf Platz 37 der BBC 100 Books Liste. Das war auch der Grund, weshalb ich vor beinahe zwei Jahren zugegriffen habe, als ich das Buch in einem Antiquariat in Hay-on-Wye entdeckt habe, allerdings hatte ich dann keine rechte Lust es auch tatsächlich zu lesen. Völlig zu Unrecht, wie ich feststellen musste, als ich es in diesem Jahr endlich von seinem SuB-Dasein befreite, denn es ist ein sehr lesenswerter Roman.

Er ist insofern interessant und auch ungewöhnlich aufgebaut, weil er großteils aus der Sicht von Jeans Treuhänder Noel Strachnan erzählt wird, der sie zu Beginn des Romans von der Erbschaft informiert. Ihm erzählt Jean dann in Rückblicken von ihrer Zeit in Malaya. Zu diesem Handlungsstrang wurde Nevil Shute von einer wahren Geschichte inspiriert, und zwar von einem Bericht über eine Gruppe von niederländischen Frauen und Kindern, die im zweiten Weltkrieg in Sumatra über 1000 Meilen von Ort zu Ort getrieben wurden. Später stellte sich heraus, dass er diese Geschichte falsch verstanden hatte, weil die Frauen in Wahrheit nicht gehen mussten, sondern von den Japanern transportiert wurden. Das ändert aber nichts daran, dass Shute den Marsch von Jean und den anderen Frauen sehr eindringlich beschreibt. Obwohl klar ist, dass Jean alles überlebt und nach England zurückkehren wird, hat mich dieser Part sehr gefesselt.

Dennoch hat mir persönlich der letzte Teil am besten gefallen, als Jean es sich in den Kopf setzt, aus dem kleinen Willstown ein zweites Alice Springs zu machen. Shute beschreibt das Leben im australischen Outback so anschaulich und es ist faszinierend zu beobachten, wie eins zum anderen führt und immer mehr Leute in die Stadt kommen.

Die beiden Teile mögen vielleicht inhaltlich seltsam voneinander getrennt erscheinen, aber der Marsch durch Malaya nimmt bereits vorweg, was Jean später in Willstown so erfolgreich macht: ihre Anpassungsfähigkeit, ihr Optimismus, ihr innerer Antrieb etwas „zu tun“, anzupacken. Und obwohl ich Jean sehr mochte, liegt hierin doch meiner Ansicht nach eins der Probleme des Romans. Sie ist ein wenig zu perfekt, ihr scheint alles zu gelingen und ein paar Schwächen hätten sie zu einer deutlich runderen Figur gemacht.

Mein zweiter Kritikpunkt ist, dass der Roman doch recht klar ein Kind seiner Zeit ist, wenn es um Kolonialismus, Frauenbild und Verhalten gegenüber Aborigines geht. Zwar wird damit stellenweise auch ironisch gespielt und durch Jeans sehr offenen und „modernen“ Charakter klingt auch öfter eine leise Kritik durch, aber gleichzeitig ist sie, die Engländerin, die einen Brunnen in einem malayischen Dorf baut und eine australische Ortschaft zum Aufblühen bringt, selbst eine Vertreterin des Kolonialismus. Und ja, was sie schafft und aufbaut ist positiv, nichtsdestotrotz aber etwas herablassend.

Ich würde auch den Erzählstil des Romans eher als altmodisch bezeichnen – es wird viel beschrieben und erzählt, oft sorgt Strachnans Perspektive für eine gewisse Distanz und das Tempo ist streckenweise gemächlich. Mich persönlich hat das überhaupt nicht gestört, ich fand den Roman sehr schön zu lesen, aber ich kann mir vorstellen, dass das nicht jedermanns Fall ist.

Ich kann aber „A Town Like Alice“ trotz seiner Schwachstellen sehr empfehlen, besonders aufgrund der historischen und geografischen Beschreibungen, die sowohl British Malaya in den 40er als auch Australien in den 50er Jahren zum Leben erwecken. Und auch wenn es Jean an charakterlicher Tiefe und Entwicklungspotenzial fehlen mag, ist sie eine so positive Figur, dass es einfach guttut über sie zu lesen.

3 thoughts on “Nevil Shute – A Town Like Alice

  1. „A Town Like Alice“ gehört zu den Büchern, die mir regelmäßig unterkommen und bei denen ich so gar nicht weiß, was ich davon halten (und ob ich sie lesen) soll. Immerhin habe ich jetzt dank deiner Rezension eine genauere Vorstellung davon, worum es geht. *g* Danke! Jetzt muss ich nur noch überlegen, ob ich mit der Protagonistin und den von dir erwähnten Schwachpunkten zurechtkomme (oder ob ich mich weiterhin fragen will, ob das Buch was für mich wäre oder nicht). 😉

    1. Ich finde es bei dem Buch recht schwer einzuschätzen, ob es dir gefallen würde oder nicht. Um es zu mögen muss man wohl – so wie ich – eine gewisse Vorliebe für einen „altmodischen“ Erzählstil haben.
      Aber ich denke, dass es diesen Roman in der Bibliothek geben müsste – vielleicht kannst du ja mal reinlesen.

      1. Ich finde es ja auch schwierig. *g* Aber immerhin habe ich dank dir nun eine bessere Vorstellung vom Buch und kann dann irgendwann spontan entscheiden, ob es passt oder nicht.

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