Gegenwartsliteratur Jugendbuch Rezensionen

[Kurzrezensionen] Von Familien und anderen Schwierigkeiten

Hilary Mantel – Jeder Tag ist Muttertag

Dieser Roman der englischen Autorin Hilary Mantel, der 1985 erschienen ist, war 2018 das Gratisbuch der Aktion Eine Stadt. Ein Buch. Er zeichnet das bitterböse Bild einer Kleinstadt der 80er Jahre. Im Mittelpunkt stehen Evelyn Axon und ihre Tochter Muriel, die eine intellektuellen Behinderung hat. Die beiden Frauen führen ein trostloses Leben, das von gegenseitiger Abhängigkeit, aber zugleich einem Hass aufeinander geprägt ist. Die Sozialarbeiterin Isabel sucht vergeblich den Kontakt zu den beiden Frauen, während sie mit ihren eigenen Problemen zu kämpfen hat, da sie eine Affäre mit einem verheirateten Mann hat. Die Schwester dieses Mannes wiederum lebt im Haus neben den Axons, wodurch alle Figuren und Schicksale zumindest locker miteinander verknüpft sind. Der Roman wird als „schwarzhumorig“ beschrieben, wobei ich nicht behaupten kann, dass ich mich bei der Lektüre sonderlich amüsiert hätte. Ich fand die Geschichte sehr düster und skurril, teilweise auch verstörend. Nachdem ich anfangs etwas Schwierigkeiten hatte hineinzufinden, hat mich das Buch im Mittelteil sehr gefesselt, ehe mich das Ende dann etwas ratlos zurückließ. Ein interessanter Roman, den ich aber vermutlich kein zweites Mal lesen würde.

 

Nina LaCour – We Are Okay

Marin lässt nach dem Tod ihres Großvaters, bei dem sie aufgewachsen ist, ihr altes Leben hinter sich und beginnt weit entfernt von ihrer Heimat zu studieren. Als in den Weihnachtsferien ihre ehemals beste Freundin Mabel zu Besuch kommt, ist Marin gezwungen, sich den Geistern ihrer Vergangenheit zu stellen.

Dieser Jugendroman ist ein Buch über Freundschaft, Trauer, Familie und Einsamkeit. Im Fokus steht die einst enge Freundschaft zwischen Marin und Mabel, die in der Gegenwart zwar in Scherben zu liegen scheint, in Rückblenden aber genauer beleuchtet wird. Mir hat dieser Aspekt der Geschichte sehr gut gefallen und ich fand den Roman fesselnd zu lesen, obwohl er eigentlich sehr ruhig ist. Ein wenig genervt hat mich, dass um die Geschehnisse rund um den Tod von Marins Großvater so lange ein Geheimnis gemacht wird und eine tragische Entwicklung, die mehr Aufmerksamkeit verdient hätte, als simpler Plottwist herhalten muss. Mir kamen auch einige Punkte rund um Marins überstürztes Verschwinden ein wenig unlogisch vor. Dennoch eine sehr schöne Geschichte, die einfühlsam Marins innere Entwicklung und ihre Freundschaft zu Mabel beschreibt.

 

Agnes Ofner – Nicht so das Bilderbuchmädchen

Als gegenüber von Zara eine neue Familie einzieht, kann sie genau in das Zimmer von Sam sehen – und sie beginnt sich zu fragen, weshalb er so oft weint. Über einen Zettel in ihrem Fenster beginnt sie einen vorsichtigen Kontakt über die Straße hinweg. Obwohl sie sich nicht treffen, lernen sich die beiden allmählich über ihre Botschaften näher kennen.

„Nicht so das Bilderbuchmädchen“ beschäftigt sich sehr unaufgeregt und einfühlsam mit Genderthemen. Zara interessiert sich nicht für „typische“ Mädchendinge, was für sie eigentlich okay ist, aber als sie sich in Josef aus ihrer Klasse verliebt, hat sie das Gefühl sich mädchenhafter geben zu müssen. Und Sam hat nicht nur Schwierigkeiten, in der Schule Freunde zu finden, sondern fühlt sich noch dazu fremd in seinem eigenen Körper.

Die Geschichte wird abwechselnd aus der Perspektive von Zara und Sam erzählt und lässt sich sehr flüssig lesen. Es geht um die Pubertät, das Erwachsenwerden, um Freundschaft, um die eigene Identität und darum, dass es in Ordnung ist, wenn man „anders“ ist. Es ist schön mitzuerleben, wie sich zwischen Zara und Sam allmählich eine ganz besondere Freundschaft entwickelt und sie einander bei ihren Problemen weiterhelfen. Ihre Art der Kommunikation ist eine nette Idee, die im Buch gut umgesetzt wird (auch wenn es in der kurzen Beschreibung ein wenig seltsam klingen mag). Für Kinder/Jugendliche etwa ab 11 oder 12 Jahren sehr zu empfehlen!

5 thoughts on “[Kurzrezensionen] Von Familien und anderen Schwierigkeiten

  1. Guten Morgen! 🙂
    Ich war ja ganz gespannt, was du zu dem LaCour-Buch sagen würdest. Trotz einiger Kritikpunkte scheinst du es ja dennoch gerne gelesen zu haben. Mal gucken, ob es mir demnächst mal über den Weg läuft.
    „Nicht so das Vorzeigemädchen“ hört sich auf jeden Fall sehr interessant an. Das merke ich mir mal und erweitere meine sowieso schon ellenlange Wunschliste um das Buch. 🙂

    Liebe Grüße,
    Christine

    1. Ja, ich habe es gern und auch sehr schnell gelesen. Es war kein Highlight für mich, aber ich habe die Lektüre dennoch sehr genossen.

  2. „Nicht so das Bilderbuchmädchen“ klingt interessant und ist erst einmal auf meiner Bibliotheksmerkliste gelandet (nicht ausleihbar, weil noch in der Schlusskontrolle – mal schauen, wann ich es denn dann in die Finger bekomme). 🙂

    1. Ich wäre auf jeden Fall neugierig, was du dazu sagst. Der Schreibstil ist vermutlich nicht jedermanns Fall, aber bei einem Bibliotheksbuch „riskiert“ man ja nichts.

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