Historisch Rezensionen

Lars Mytting – Die Glocke im See

erschienen bei Suhrkamp/Insel

 

Norwegen, 1880: Einst waren die Heknes die reichste Familie in dem abgelegenen Dorf Butangen und stifteten der Kirche zwei kostbare Glocken, die „Schwesterglocken“. Doch mittlerweile ist die Familie verarmt und die Tochter Astrid verdingt sich als Dienstmädchen im Pfarrhaus.
Dem neuen, engagierten Pfarrer Kai Schweigaard sind die abergläubischen Bräuche der Menschen ebenso ein Dorn im Auge wie die uralte Stabkirche mit ihren heidnischen Schnitzereien. Ihm schwebt ein moderner Neubau vor und so geht er mit Dresden einen Handel ein: Die Stabkirche samt den Schwesterglocken wird nach Deutschland verkauft, um dort wieder aufgebaut zu werden. Zu dem Zweck reist der Architekturstudent Gerhard Schönauer nach Norwegen, um den Abtransport zu überwachen.
Astrid, die nicht ihr Leben lang in dem dunklen Tal und einem Leben voller Mühsal gefangen sein will, sieht in beiden Männern die Chance auf einen Neustart. Zugleich ist ihr das Unterfangen der beiden ein Dorn im Auge. Denn die Schwesterglocken haben angeblich übernatürliche Kräfte und läuten von selbst, wenn in Butangen ein Unglück bevorsteht.

Die Kirche von Butangen ist zwar fiktiv, aber Lars Mytting wurde zu ihrer Geschichte von wahren Begebenheiten inspiriert: Tatsächlich wurden vom 17. bis zum 19. Jahrhundert viele mittelalterliche Stabkirchen in Norwegen abgerissen. Die Stabkirche von Vang wurde daher 1841 vom preußischen König Friedrich Wilhelm IV. erworben und in Brückenberg aufgestellt.

Es ist wundervoll, wie Mytting die Kirche mit ihren Glocken und das dunkle, abgelegene Tal aus verschiedenen Blickwinkeln beschreibt. Wir lernen Butangen sowohl von innen durch Astrid als auch von außen durch Kai und Gerhard kennen und zusammen vermitteln diese Perspektiven einen sehr guten Eindruck vom harten, kargen Leben in einem norwegischen Dorf Ende des 19. Jahrhunderts. Aberglaube, alte Bräuche und ein Nachhall von nordischen Mythen spielen eine große Rolle im Leben der Menschen, deren ständige Begleiter Hunger, Krankheit und Tod sind. Die beiden Neuankömmlinge Kai und Gerhard haben oft Probleme, diese Mentalität nachzuvollziehen und so sind Konflikte vorprogrammiert. Astrid, die selbst ihr ganzes Leben in Butangen verbracht hat, zugleich aber wissbegierig und offen für Neues ist, wird einerseits zum Bindeglied zwischen den beiden Welten, andererseits aber auch zur Außenseiterin.

Ich fand es sehr faszinierend, wie der Autor die Beziehungen zwischen den drei Hauptfiguren und auch den Dorfbewohnern entfaltet. Er zeichnet seine Figuren sehr differenziert, gesteht ihnen Schwächen und Fehler zu und weckt Verständnis für ihre verschiedenen Ansichten und Meinungen. Dennoch wirken sie nicht wie moderne Menschen, die in ein historisches Setting gesetzt wurden, sondern sind ganz in ihrer Zeit und Vorstellungswelt verankert. Da das bei historischen Romanen nicht immer der Fall ist, habe ich mich umso mehr gefreut, dass Lars Mytting das so überzeugt umgesetzt hat. Auch der Schreibstil hat dazu beigetragen, dass ich ganz und gar in den Roman eintauchen konnte. Die Sprache hat etwas altertümliches an sich, wirkt manchmal ebenso karg und spröde wie die Landschaft und Menschen von Butangen, manchmal aber auch sehr poetisch.

Alleine schon das Setting, die Figuren und die Sprache hätten mich gefesselt, aber „Die Glocke im See“ ist auch auf der Plotebene ein sehr spannender Roman. Es gibt eine ganze Reihe von Wendungen und Entwicklungen in der Handlung, die ich so nicht erwartet hätte – und viele davon sind nicht unbedingt erfreulich. Dementsprechend ist auch das Ende sehr bittersüß und lässt außerdem ein paar Fragen offen. Es handelt sich hier nämlich um den Auftakt zu einer Familiensaga, die letztendlich bis in die Gegenwart reichen soll. Dennoch kann man den Roman durchaus für sich alleine lesen und die Handlung ist auch in sich abgeschlossen.

Für mich war das einer der besten historischen Romane, die ich in den letzten Jahren gelesen habe und ich freue mich daher schon sehr auf den nächsten Band.

2 thoughts on “Lars Mytting – Die Glocke im See

  1. Es ist so selten der Fall, dass man ein Buch in die Finger bekommt, das einen so durchgehend überzeugen kann – wie schön, dass das bei die mit „Die Glock im See“ der Fall war! Ich vermute mal, dass du auch die Fortsetzungen der Familiensaga lesen wirst, oder?

    1. Ja, ich werde die Fortsetzungen auf jeden Fall lesen! Ich bin schon gespannt, welche Zeitspanne der nächste Band umfassen wird.

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