Klassiker Rezensionen

Lew Tolstoi – Anna Karenina

 

erschienen bei DAV
ungekürzte Lesung von Ulrich Noethen

 

Jahrelang habe ich die Lektüre dieses 1878 erschienen Romans vor mir hergeschoben, um dann schon in den ersten Minuten der Lesung in seinen Bann gezogen zu werden.

Und nun wiederum schiebe ich seit Wochen das Schreiben der Rezension vor mir her, da ich nicht weiß, wie ich meine völlige Begeisterung in adäquate Worte fassen soll. Schon mit der Beschreibung des Inhalts habe ich Probleme. In den meisten Zusammenfassungen liegt die Konzentration auf Anna, aber obwohl ihre Handlungen die anderen Figuren maßgeblich beeinflussen, sehe ich sie nicht im Zentrum der Geschichte.

Vielmehr handelt es sich um ein Panorama der russischen Adelsgesellschaft, dargestellt an einer Reihe von Figuren: Wir steigen in den Roman ein mit den Oblonskijs, wo alles Kopf steht, seit der Hausherr Stepan seine Frau betrogen hat. Um die Ehe zu kitten, wird Stepans Schwester Anna herbeigerufen, die ihre Schwägerin Darja, genannt Dolly, beschwichtigen soll. Dollys jüngere Schwester Kitty steht indes zwischen zwei Fronten: Der Gutsbesitzer Ljewin hat ihr einen Antrag gemacht, aber Kittys Mutter drängt ihre Tochter zur Heirat mit Graf Wronskij. Der wiederum verliebt sich in Anna, die unglücklich mit dem vermeintlich gefühlskalten Beamten Karenin verheiratet ist.


Da auch noch die Familien der genannten Figuren eine große Rolle spielen, hat man es in diesem Roman mit einem umfangreichen Personal zu tun. Auf über 1000 Seiten bzw. 37 Hörbuchstunden bleibt aber genug Raum, um all diese Figuren ausführlich kennenzulernen und damit kommen wir auch schon zu einem der Gründe, weshalb mir „Anna Karenina“ so gut gefallen hat: Tolstoi beschreibt alle Figuren so lebhaft mit ihren Stärken und Schwächen und versetzt sich so gut in sie hinein, dass ich die Handlungen und Motivationen von allen nachvollziehen konnte. Obwohl ich manche von ihnen lieber mochte als andere und mich gerade Anna und Wronskij anfangs eher genervt haben, habe ich sie im Laufe der Geschichte alle ins Herz geschlossen und es ist mir sehr schwer gefallen, am Ende des Romans von ihnen Abschied zu nehmen.

Ein weiterer Grund, weshalb mich der Roman so begeistert hat, ist die meisterhafte Darstellung einer ganzen Reihe von großen Themen des Lebens wie Geburt, Tod und Liebe, Eifersucht, Einsamkeit und Glaubensfragen. Ich war beeindruckt, wie glaubhaft der Autor etwa aus der Sicht einer Mutter schreibt und wie modern oder vielleicht auch zeitlos viele Gedankengänge anmuten. Besonders eindrucksvoll dargestellt fand ich die Erkenntnis von Anna und Wronskij, dass ihnen ihre Liebe alleine nicht genügt, dass sie sich auf Dauer nicht der Gesellschaft und deren Regeln entziehen können. Annas tiefe Verzweiflung und das Gefühl von Ausweglosigkeit und Isolation, waren so eindringlich geschildert, dass ich den Roman danach erst einmal für eine Weile unterbrechen und verdauen musste.

Überrascht hat mich, wie humorvoll „Anna Karenina“ trotzdem stellenweise auch ist. Schon der Einstieg, als im Hause Oblonskij Chaos herrscht, weil die Bediensteten nicht wissen, wie sie mit dem Ehestreit umgehen sollen, hat mich schmunzeln lassen. Neben dem Humor bildet auch die Liebe von Ljewin und Kitty (die wohl die liebenswertesten Figuren in dem Buch sind) ein Gegengewicht zu den ersten Themen und mitunter düsteren Szenen.

 

Ich könnte noch einiges aufzählen, was mich an dem Roman beeindruckt hat und von den gesellschaftspolitischen Themen habe ich noch nicht einmal angefangen. Ich möchte abschließend aber nur noch sagen, dass „Anna Karenina“ eines der besten Bücher ist, dass ich jemals gelesen habe. Und selbst nach unzähligen Stunden Hörbuch wollte ich einfach nur weiterhören und nicht am Ende ankommen.

Apropos Hörbuch: Die Lesung von Ulrich Noethen nach der Neuübersetzung von Rosemarie Tietze hat sicher dazu beigetragen, dass mir der Roman so gut gefallen hat und ich kann sie nur wärmstens empfehlen!

6 thoughts on “Lew Tolstoi – Anna Karenina

  1. Hach, das freut mich irgendwie total, dass du den Roman auch so mochtest. Ich habe ihn ja auch geliebt. Ich hatte ja „Krieg und Frieden“ vorher total verschlungen und war dadurch zum Tolstoi-Fan geworden, aber „Anna Karenina“ fand ich dann tatsächlich noch besser, weil tiefgehender.
    Deshalb braucht man sich eigentlich auch keine Verfilmungen davon angucken. Die Serien gehen noch, aber die Spielfilme sind gar nicht zu gebrauchen, denn da musste man sich zwangsläufig immer auf Anna und Wronskij konzentrieren und die anderen Figuren wenn, dann nur im Hintergrund mal auftreten lassen, und wenn dabei dann noch die große, wunderbare, aber tragische Liebe beschworen und Karenin als kaltes Monster dargestellt wird … *schüttel*

    1. Ich glaube, dass ich deshalb auch den Roman so lange nicht lesen wollte, weil ich dachte, dass es so sehr um dieses Thema Ehebruch und die Liebe zwischen Anna und Wronskij geht. Das ist wohl meist das Problem mit solch groß angelegten Romanen, dass sie dann bei Verfilmungen zwangsläufig auf einen Bruchteil der Handlung und der Personen dezimiert werden. Ähnlich ist es mit „Jenseits von Eden“, wo mich gerade die berühmteste Verfilmung überhaupt nicht interessant, weil bei dieser einfach mal mehr als die erste Hälfte des Buches komplett unter den Tisch fällt.

      Ich bin auf jeden Fall froh, dass ich „Anna Karenina“ endlich gelesen habe, weil es wirklich auf so vielen Ebenen ein großartiges Buch ist. Mir fällt jetzt schon wieder auf, was ich bei der Rezension alles nicht erwähnt habe und was mich beim Lesen so beeindruckt hat, aber ich hatte gestern das Gefühl, dass ich zu keinem Ende mehr komme, wenn ich erst mal anfange ins Detail zu gehen. 😉

      1. Außerdem glaube ich, dass da auch unser Zeitgeist mit zu tun hat. Bei „Wuthering Heights“ ist das ja ähnlich, das wird auch immer als leidenschaftliche Liebesgeschichte mit tragischem Ende verfilmt, ohne die positive Nebengeschichte. Dabei ist das in meinen Augen eher die Geschichte einer zerstörerischen Leidenschaft und nicht im Geringsten romantisch. Aber wir sind so hollywood-geprägt, dass bei solchen Verfilmungen auch immer Schema F bemüht wird, nämlich die Eine-Große-Liebe ™. Auch wenn die Romanvorlage eigentlich eine ganz andere Aussage hatte.

        Mir ging es übrigens ähnlich, ich hab mich aus dem gleichen Grund auch eine ganze Weile nicht an „Anna Karenina“ rangetraut, obwohl ich „Krieg und Frieden“ so gemocht hatte.
        Weswegen ich übrigens auch „Effi Briest“ und „Madame Bovary“ noch nicht gelesen und „Emilia Galotti“ nur mal angefangen habe. Sollte man vielleicht doch mal versuchen, vielleicht wird man da ja auch überrascht …

  2. Ich hatte dieselben Gründe, den Roman lange nicht zu lesen und war ebenso überrascht, wie lustig und schmökerig er ist. Meine Lieblingsfigur damals war der verträumte Ljewin. Ich fand die Szenen aus dem damaligen Leben einfach total faszinierend, ob es nun um die Ernte ging, um die Suche nach der passenden Partie bei einem Kuraufenthalt oder ums Date beim Schlittschuhlaufen. Alles wirkte so lebensecht. Wird echt mal Zeit, dass ich das Buch nochmal aus dem Regal nehme. Wie schön, dass es dir auch so gut gefallen hat!

  3. Hach, wenn ich das so lese, dann bekomme ich richtig Lust, mich noch einmal in Anna Karenina zu vertiefen. 😉
    Ich habe das Buch vor 10, 12 Jahren gelesen und fand es auch richtig, richtig gut. Eigentlich wollte ich mir letztes Jahr das Hörbuch geben, aber ich bin nie über die ersten 10 Minuten gekommen – was aber wohl eher daran liegt, das ich mit Hörbüchern einfach nichts mehr anfangen kann. 😉

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