Phantastisch Rezensionen

Sharon Shinn – Mystic and Rider

erschienen bei Ace Books

 

Beunruhigende Gerüchte erreichen den König von Gillengaria: In den adeligen Häusern regt sich Widerstand – gegen die Magier, über die der König seine schützende Hand hält, und vielleicht gegen den König selbst. Eine kleine Gruppe, bestehend aus Magiern und Reitern des Königs, macht sich auf den Weg durch Gillengaria um herauszufinden, was tatsächlich hinter den Gerüchten steckt.

 

„Mystic and Rider“ ist der Auftakt zu Sharon Shinns „Twelve Houses“-Reihe. Ich habe von der Autorin bisher nur in sich abgeschlossene Bücher (The Shape-Changer’s Wife und Summers at Castle Auburn) gelesen, die mir beide sehr gut gefallen haben, und nun war ich neugierig, ob sie mich mit einer High-Fantasy-Reihe ebenso überzeugen würde.

Es handelt sich hier um einen sehr ruhigen Fantasyroman, der viel Wert auf die Charakterentwicklung legt. Im Mittelpunkt steht die Magierin Senneth, die Anführerin der kleinen Gruppe. Bei ihr dürfte es sich um eine der stärksten und interessantesten Frauenfiguren handeln, die mir seit langem untergekommen sind. Und ihr zur Seite stehen ihre Reisegefährten, die ebenso interessant und sorgfältig ausgearbeitet sind: die beiden Reiter Tayse und Justin, die junge Adelige Kirra, deren Gefährte Donnal und der unerfahrene Magier Cammon. Zwischen den Reitern und den Magiern herrscht Misstrauen bis hin zu Ablehnung und die Autorin nimmt sich viel Zeit, um die komplexen Beziehungen zwischen den Figuren darzustellen. Besonders gut hat mir die Freundschaft zwischen Senneth und Kirra gefallen – obwohl die beiden Frauen sehr unterschiedlich sind und Kirra zunächst etwas oberflächlich erscheinen mag, wird schnell klar, dass zwischen den beiden ein tiefes Verständnis herrscht und man Kirra nicht unterschätzen darf. Daneben nähern sich auch Senneth und Tayse einander an und lernen einander zu verstehen.

Die Figuren und deren Beziehungsgeflechte sind dermaßen interessant, dass der Roman es sich erlauben kann, darauf den Fokus zu legen. Das bedeutet aber natürlich nicht, dass es keine Handlung gibt. Es geht in „Mystic and Rider“ viel um politische Intrigen und Machtspiele. Die Reisegefährten müssen außerdem schnell feststellen, dass Magier bei einigen Adelshäusern nicht mehr gern gesehen sind und teilweise auch offen angefeindet werden. Das schafft eine bedrohliche Atmosphäre und die Reisenden geraten auch einige Male in größere Gefahr.

Trotz dieser Situationen und obwohl Sharon Shinn auch die dunkleren Abgründe ihrer Figuren auslotet, war „Mystic and Rider“ für mich auf eine gewisse Weise ein Wohlfühlbuch. Ich denke, das liegt vor allem an der behutsamen und sensiblen Art und Weise, wie die Autorin mit schwierigeren Themen umgeht. Zudem hält Shinn sich sehr zurück, was Gewalt oder explizite Szenen angeht, wodurch die Erzählweise manchmal fast ein wenig altmodisch wirkt – und das meine ich keineswegs negativ! Tatsächlich hätte ich den Roman älter eingeschätzt als er ist (er ist 2006 erschienen).

Da es sich hier um den ersten Band einer längeren Reihe handelt, werden die politischen Verwicklungen noch nicht aufgedröselt (vielmehr wurden gerade erst die Weichen für weitere Geschehnisse gestellt), aber der Roman hat dennoch ein rundes Ende und lässt einen nicht mit fiesen Cliffhangern zurück.

Konnte Sharon Shinn mich nun mit diesem Reihenauftakt ebenso begeistern wie mit ihren Einzelromanen? Ja und nein. Mir hat schon lange kein High-Fantasy-Roman mehr so gut gefallen wie dieser, er kann für mich aber doch nicht ganz mit den anderen genannten Bücher von Sharon Shinn mithalten. Das ist aber schon jammern auf hohem Niveau, zumal „Summers at Castle Auburn“ für mich eines der absoluten Lesehighlights der letzten Jahre war.

Fans von ruhigen Fantasyromanen, die mehr character- als plot-driven sind, kann ich „Mystic and Rider“ auf jeden Fall wärmstens empfehlen. Ich selbst bin sehr froh, dass ich den Roman in einem Antiquariat in Hay-on-Wye zufällig entdeckt habe und bin schon gespannt, wie es in „The Thirteenth House“ weitergehen wird.

6 thoughts on “Sharon Shinn – Mystic and Rider

  1. Das klingt wirklich sehr reizvoll! „The Shape-Changer’s Wife“ habe ich schon unglaublich lange auf dem Merkzettel, aber bislang immer noch nicht angeschafft und gelesen. Ich sollte die Autorin wirklich endlich mal ausprobieren! 🙂

    1. „The Shape-Changer’s Wife“ war der erste Roman, den ich von ihr gelesen habe und ich fand ihn sehr schön. Es würde mich interessieren, was du dazu sagst. 🙂

  2. Latha math, Neyasha.
    Die Gleichmut des interessierenden Erzählens ist hohe Kunst. Nicht jeder kann eine gute Geschichte gut erzählen. Und so kann auch nicht jeder solide Story packend schreiben.
    Ich Binsenweisheite hier herum, ich weiss… Allerdings kam mir der Gedanke darüber, als ich Deine Worte zum Roman gelesen habe. Denn bei aller Genialität verzwirbelter Plot-Ideen – getragen werden die Zeilen davon, wie sehr uns die Figuren ansprechen (wörtlich jetzt gemeint).
    Klar erscheint mir, daß der Unmut gegenüber Magiern für die aufkeimende Feindlichkeit gegenüber dem definierten (!) Fremden – dem Anderen – steht.
    Hass ist eben einzig eine destruktive Kraft!
    Besagte Lektion will die Menscheit aber nicht grundlegend lernen.
    Den Film ‚Green Book‘ werde ich Dir diesbezüglich wohl schon erwähnt haben… 🙂
    Dir formvollendete Tage!

    bonté

    1. Die Figuren sind einfach die Seele einer Geschichte. Ich weiß, dass es manche Leser nicht stört, wenn die Figuren nicht sonderlich gut ausgearbeitet sind, solange der Plot spannend ist (ich sag nur Dan Brown …), aber bei mir ist es eher umgekehrt – wenn mich die Figuren fesseln und mich ihr Schicksal interessiert, verzeihe ich auch mal Plotschwächen.
      „Green Book“ hat mir bisher nichts gesagt, klingt aber interessant. Danke für die Empfehlung!

  3. Scheint, als hättest Du eine Lieblingsautorin gefunden? Oder zumindest eine Gerngelesenautorin?
    Schade, dass es nur so wenig von ihr auf Deutsch gibt und das oft in sehr alten Ausgaben.

    1. Ja, ich denke, das habe ich in der Tat!
      Es ist wirklich schade, dass von ihr nur wenig übersetzt wurde. Ich habe das Gefühl, dass ihre Bücher eine Art von Fantasy sind, die von deutschen Verlagen offensichtlich nicht gern publiziert werden (wie etwa auch Robin McKinley und die neueren Bücher von Patricia McKillip).

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