Gegenwartsliteratur Krimi/Thriller Rezensionen

[Kurzrezensionen] Von Brenner, Spitzbergen und der letzten Nacht

Wolf Haas – Brennerova

erschienen bei Hoffmann und Campe

 

Der Brenner mag seine Zeiten als Privatdetektiv hinter sich gelassen haben, aber noch immer zieht er Verbrechen nahezu magisch an. Dieses Mal macht er sich auf die Suche nach einer verschollenen Russin, die in Wien möglicherweise von Mädchenhändlern entführt wurde. Und zu allem Überfluss ist auch sein Privatleben ein einziges Chaos.

Ich habe die Brenner-Krimis von Wolf Haas früher geliebt – nicht zuletzt wegen seines sehr witzigen und eigenwilligen Schreibstils. Seine letzten Veröffentlichungen konnten mich aber nicht mehr ganz überzeugen und sein neuester Band ist da keine Ausnahme. Der Kriminalfall ist mehr als dünn und kann kaum als solcher bezeichnet werden. Stilistisch ist er noch immer auf der Höhe; „Brennerova“ ist so pointiert und voll trockenem Humor, wie man es von Wolf Haas kennt (alleine das erste Kapitel ist zum Schreien komisch und dabei so treffend).  Aber die Sprache alleine genügt mir dann doch nicht. Wenn ich etwa an „Silentium“ oder auch seine anderen älteren Krimis denke, dann erinnere ich mich an spannende Fälle und plausible Auflösungen. Ob ich einem weiteren Brenner-Krimi noch eine Chance geben würde, weiß ich nicht, aber auf seinen neuen Roman „Junger Mann“, der im September erscheinen wird, bin ich trotzdem gespannt.

 

Christine Kabus – Insel der blauen Gletscher

erschienen bei Bastei Lübbe

 

Dieser Roman ist auf zwei Zeitebenen angesiedelt, die beide nach Spitzbergen führen: In der Gegenwart flüchtet die Journalistin Hanna vor ihrer gescheiterten Ehe in den hohen Norden, um dort für eine Reisereportage zu recherchieren. Etwa 100 Jahre zuvor, im Jahr 1907, verkleidet sich die resolute Emilie als Mann und nimmt an Stelle ihres Bruders an einer Forschungsreise nach Spitzbergen teil.

Für meinen Urlaub in Norwegen habe ich passende Lektüre gesucht und als ich „Spitzbergen“ las, habe ich sofort zugegriffen. Ich habe entspannende Wohlfüllektüre erwartet und diese großteils auch bekommen, wobei mir der Erzählstrang in der Gegenwart besser gefallen hat. Hannas Geschichte ist nicht sonderlich spektakulär, aber ich hatte sehr viel Freude dabei, mit ihr Tromsø und Spitzbergen zu erkunden und zusätzlich gibt es noch eine zwar etwas kitschige, aber doch sehr herzerwärmende Liebesgeschichte. Emilies Geschichte ist rein von der Handlung her zwar spannender, war mir aber teilweise zu konstruiert und unglaubwürdig. Emilie bewältigt alle Herausforderungen zu souverän und ihr Wissenshorizont sowie der der anderen Figuren schien mir oft nicht passend für die Zeit. Das scheint sogar der Autorin bewusst gewesen zu sein, da sie immer wieder einfügt, Emilie habe dieses und jenes gerade irgendwo gelesen/jemand habe ihr davon erzählt/… Wirklich gelungen fand ich das nicht. Beide Erzählstränge werden am Ende lose miteinander verknüpft – bis dahin verlaufen sie aber weitgehend unabhängig voneinander.

Alles in allem war das ein unterhaltsames und leicht zu lesendes, leider aber auch sehr durchschnittliches Buch.

 

Stewart O’Nan – Letzte Nacht

erschienen im Rahmen von Eine Stadt. Ein Buch

 

„Letzte Nacht“ von Stewart O’Nan wurde 2017 als Gratisbuch der Stadt Wien verteilt und erzählt von Manny, dem Geschäftsführer einer Restaurantfiliale, die geschlossen werden soll.

Die Handlung klingt sehr unspektakulär (und das ist sie im Grunde auch), aber mir hat der Roman sehr gut gefallen. Mit viel Blick für Details beschreibt der Autor die letzten Stunden in einem Restaurant an einem verschneiten Winterabend. Neben dem Alltag im „Red Lobster“ geht es vor allem um die Angestellten und deren Leben sowie Beziehungen zueinander. In vielen Rezensionen wird beklagt, dass „Letzte Nacht“ zu langweilig wäre, aber das habe ich gar nicht so empfunden. Ja, es ist ein sehr ruhiger Roman, doch die Figuren schaffen es zu fesseln und ich fand auch die Beschreibungen der Arbeitsabläufe im Restaurant interessant. Darüber hinaus ist es auch ein melancholischer Roman, den ich aber trotzdem nicht als zu schwermütig empfunden habe. Meiner Meinung nach also ein sehr gelungenes Stimmungsbild, das mich an keiner Stelle gelangweilt hat.

1 thought on “[Kurzrezensionen] Von Brenner, Spitzbergen und der letzten Nacht

  1. Genehmen Sonntag, Neyasha.

    Detektiv…
    Es wird gesagt, dass ein guter Roman wie ein Wurstbrot ist – er funktioniert nur im Einklang. Nur Belag wirkt auf die Dauer eher eintönig, weswegen das Brot gern genommen wird. Witziger Stil ohne tragende Story lässt einen dann ein wenig hungrig zurück.

    Forscherin…
    Stimmt, dass die Geschichte um die Incognito-Forscherin die interessantere Story wäre; zumal wenn man/frau bedenkt, dass es erst ein Jahrhundert her ist, dass sich Frauen noch derart tarnen mussten, um zu forschen. Wobei selbst die Lehre damals noch ein Kampf für engagierte Frauen war.
    Die Forschungsreise der Jeanne Baret mag Dich hier vielleicht interessieren.

    Angestellte…
    Ich kann mir die melancholische Stimmung in besagtem Restaurant gut vorstellen – vermutlich hätte ich bei der Lektüre wieder einen feinen Film vor dem geistigen Auge. Und irgendwie könnte ich mir Steve Buscemi in einer Rolle darin vorstellen. 🙂
    Den passenden Song für hätte ich irgendwie auch auch parat… 😉

    https://www.youtube.com/watch?v=PWd1Oex7zgQ
    for your consideration

    bonté

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