Gegenwartsliteratur Rezensionen

Juli Zeh – Unterleuten

erschienen bei Luchterhand

 

Unterleuten ist ein Dorf in Brandenburg, das sich für einige Aussteiger aus der Stadt als ländliche Idylle präsentiert, auch wenn bei den Alteingesessenen einige Konflikte unter der Oberfläche schwelen. Als eine Investmentfirma einen Windpark in Unterleuten errichten will, kommen nicht nur die alten Streitigkeiten an die Oberfläche, sondern es entstehen auch neue Konflikte mit den Hinzugezogenen, die mit den Dorfstrukturen noch nicht vertraut sind. Und so ist es mit jeglicher Idylle schnell vorbei.
 
 
Juli Zeh hat mit „Unterleuten“ einen großartigen Gesellschaftsroman geschaffen, in dem sie mit großer Beobachtungsgabe das Porträt eines kleinen Dorfes zeichnet. Dabei schlüpft sie in die Köpfe verschiedener Dorfbewohner, die alle ihre ganz eigene Sicht auf die Ereignisse haben. Ich finde es nicht nur beeindruckend, wie glaubwürdig die Autorin die unterschiedlichen Perspektiven schildert, sondern auch, dass ich auf eine gewisse Weise für alle Beteiligten Verständnis aufbringen konnte. Es gibt kein Schwarz-Weiß, keine Gut-Böse-Zeichnungen – selbst, wenn kurzfristig ein solcher Eindruck entsteht, wird das wieder relativiert, sobald man in eine andere Perspektive wechselt.
Im Zentrum des Konfliktes stehen Großgrundbesitzer Gombrowski und überzeugter Kommunist Kron (Erzfeinde schon seit DDR-Zeiten), um die herum sich ein kompliziertes Geflecht an Beziehungen und Abhängigkeiten gebildet hat. An diesem fragilen Geflecht beginnen nun die Neuankömmlinge zu zerren: der Vogelschützer Gerhard Fließ, der mit seiner deutlich jüngeren Frau von der ländlichen Idylle träumt, und die junge Pferdenärrin Linda Franzen, die sich auf gefährliche Machtspiele einlässt, um ihre Ziele zu erreichen.
 
Diese vier könnte man vielleicht als Hauptakteure bezeichnen, aber Juli Zeh lässt auch noch eine ganze Reihe von weiteren Figuren zu Wort kommen.
In den ersten Kapiteln hatte ich mit dieser Erzählform noch kleine Anlaufschwierigkeiten, da einem viele Namen und Hintergrundgeschichten in recht schneller Abfolge präsentiert werden. Aber als ich mich erst einmal etwas eingelesen hatte, konnte ich das Buch bald nicht mehr aus der Hand legen.
 
Faszinierend ist auch, dass Unterleuten gleichermaßen realistisch wie überspitzt dargestellt wird. Auf der einen Seite haben all die Konflikte, die im Laufe des Romans bis hin zu Gewalttätigkeiten ausufern, etwas ironisches, sogar karikierendes. Auf der anderen Seite ist es erschreckend, wieviel Wahrheit in allen diesen Situationen und Figuren steckt.
Trotz der leichten ironischen Distanz hat mich der Roman sehr tief hineingezogen und mitgerissen. Es fällt nicht schwer, mit beinahe allen Beteiligten mitzufiebern und mitzufühlen und auch für das Dorf Unterleuten selbst habe ich eine gewisse Sympathie entwickelt.
 
Der Schreibstil ist für Juli Zeh eher untypisch, wenn man ihn mit ihren früheren Romanen vergleicht. Keine Spur mehr von überbordenden Metaphern, Rätselhaftigkeiten und kunstvollen Satzgebilden. „Unterleuten“ ist stattdessen in einer sehr nüchternen und pointierten Sprache geschrieben. Mir haben bisher fast alle Romane von Juli Zeh gut gefallen und obwohl ihre früheren deutlich sperriger zu lesen waren, mochte ich gerade ihre ungewöhnliche, teils überbordende Sprache. Ich denke aber, dass ich diese „neue Zeh“, die sich auch schon in Nullzeit angekündigt hat, noch lieber mag. „Unterleuten“ liest sich sehr flüssig, sehr mühelos und konzentriert sich noch stärker auf Figuren und Handlung, ohne aber zu schlicht oder gar banal zu klingen.
 
Wäre der Roman alleine nicht schon ein Meisterwerk, so würde er spätestens mit dem umfangreichen Hintergrundmaterial zu einem werden. So findet man im Internet nicht nur eine Website zu Unterleuten mit Flurplan und Personenbeschreibungen, sondern auch zahlreiche andere Webauftritte, die die Grenzen zwischen Fiktion und Realität verschwimmen lassen: die Windkraftfirma Ventodirect inklusive Kontaktformular, das
Unterleutener Dorflokal Märkischer Landmann mit Speisekarte und schließlich der Vogelschutzbund Unterleuten samt Foto von Gerhard Fließ. 
Dazu kommt noch das Buch „Dein Erfolg“ von Manfred Gortz, das sozusagen die Bibel von Linda Franzen darstellt und dementsprechend häufig im Roman zitiert wird. Trotz Autorenseite und Videos im Netz merkt man nach einiger Recherche, das hier manches etwas seltsam ist und es sich bei Manfred Gortz wohl um ein Pseudonym von Juli Zeh handelt. Ein perfektes Verwirrspiel also.
 
Mein Fazit: ein grandioses Buch und dementsprechend eine klare Leseempfehlung von mir!

4 thoughts on “Juli Zeh – Unterleuten

  1. Ich habe dieses Buch auch sehr gemocht. Schon der Titel hat mich damals schmunzeln lassen und ich bin nicht enttäuscht worden. Danke für die schöne Besprechung!

  2. Mae govannen, Neyasha.
    Juli Zeh fiel mir zunächst beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb auf – bereits allein dadurch, dass sich Ihr Vorstellungsclip von der Routine anderer Clips unterschied.
    Literarisch blieb ich der Schriftstellerin nicht auf den Fersen, Ihr politisches Engagement (in Sachen Biometrie-Pass oder NSA-Affäre)ist mir, als notorischem Radiohörer, allerdings präsent.

    Wenn sich die "Schreibe" von Autoren positiv abändert, im Laufe der Jahre, die wir alle älter werden, dann haben alle Beteiligten daran gewonnen.
    Besser, als wenn sich jeweils lediglich Namen & Orte ändern, ansonsten aber alles nach bewährtem Strickmuster verläuft.

    Wie ich überfliege, Du bist ordentlich auf Achse gewesen. Zeit für ein Kinovergnügen gefunden!?
    Hier noch zwei Indi-Filmtips von Alicia Malone:

    https://www.youtube.com/watch?v=HOPEci5n85o

    For your considaration.

    bonté

    1. Ich finde Juli Zeh sowieso erfreulich vielseitig und ihr politisches Engagement bemerkenswert.

      Zeit für ein Kinovergnügen finde ich allgemein sehr selten (bzw. ergibt es sich irgendwie so selten), aber zwischen Urlaub und Dienstreise hab ich noch schnell "Valerian" dazwischengeschoben. 😉

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