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[Kurzrezensionen] Von einer Perle, einer Seereise und rätselhaften Eulen

John Steinbeck – Die Perle

Diese Novelle, die auf einer mexikanischen Sage basiert, erzählt von dem armen Fischer Keno, der nahe der Stadt La Paz wohnt. Als er eines Tages in einer Auster eine riesige Perle findet, beginnt er Pläne für sich, seine Frau und seinen kleinen Sohn zu schmieden. Aber der vermeintliche Segen entpuppt sich eher als Fluch.
Steinbeck schreibt hier von den Schattenseiten des Reichtums, vor allem aber von einer unüberbrückbaren gesellschaftlichen Kluft. Keno, der von einem besseren Leben träumt, hat keine Chance, diese Kluft zu überbrücken und ist mit der Perle der Willkür der Mächtigen umso mehr ausgeliefert.

Ich habe in den letzten Jahren einige Bücher von Steinbeck gelesen, die ich alle sehr mochte und auch dann, wenn sie eher traurig waren, nicht trostlos fand. „Die Perle“ fand ich zwar sehr fesselnd und auch eindringlich zu lesen, gleichzeitig aber zu düster. Die Erzählung geht sehr unter die Haut, hat mich aber beim Lesen so aufgewühlt, dass ich am Ende richtiggehend niedergeschlagen war.

Ein sehr guter Kurzroman, der mir allerdings ein wenig zu bedrückend war.

Michael Ondaatje – Katzentisch

In den 1950er Jahren ist der elfjährige Michael auf einem Schiff von Colombo unterwegs nach England, wohin seine Mutter schon ein paar Jahre zuvor ausgewandert ist. Dort unternimmt er mit zwei Jungen in seinem Alter allerlei Unsinn und erkundet mit ihnen das Schiff. Neben den dreien lernt man eine Reihe eher armer Mitreisender kennen, die zusammen mit Michael am sogenannten „Katzentisch“ sitzen.
Michael schildert rückblickend die Ereignisse der Fahrt – all die Liebeleien, Diebstähle und seltsamen Verstrickungen, die er zusammen mit seinen Freunden beobachtet. Jahre später kommt er mit einigen Reisegefährten wieder in Kontakt und wird sich dabei auch wieder bewusst, wie groß der Einfluss dieser kaum einmonatigen Reise auf sein Leben war.
„Katzentisch“, das Gratisbuch der Stadt Wien 2017, hat eine episodenhafte Erzählweise, da es eine Vielzahl von kleinen Geschichten vereint. Ich habe den Roman sehr unterhaltsam gefunden, mitunter aber etwas zerfasert. Er ist zwar gut konstruiert und vereint eine ganze Reihe von originellen Figuren, wirkt aber durch die vielen Einzelepisoden und die vielen Themen, die er darin anspricht, ein wenig überfrachtet.

Alan Garner – The Owl Service

Alison entdeckt auf dem Dachboden ihres walisischen Sommerhauses ein Porzellanservice mit einem Blumenmuster, in dem sie Eulen zu sehen meint. Als sie das Muster aus Papier ausschneidet und zu Eulen zusammensetzt, entfesselt sie einen alten Fluch. Zusammen mit ihrem Stiefbruder Roger und Gwyn, dem Sohn der Köchin, wird ihr Leben auf seltsame Weise mit der alten walisischen Sage rund um Blodeuwedd verknüpft.

Alan Garner entfaltet in diesem Jugendbuch, das 1967 publiziert wurde, eine rätselhafte, mystische Geschichte, in der keltische Mythen mit der Gegenwart verknüpft werden. Als Leserin wird man recht ahnungslos in den Roman hineingestoßen und begreift erst nach und nach, was alles zu bedeuten hat. Das erweckt ein Gefühl von fremder und unheimlicher Magie, führt aber auch dazu, dass man beim Lesen manches Mal im Dunkeln tappt. Ich musste mich sehr konzentrieren, um der Geschichte folgen zu können. Die Atmosphäre ist nicht nur geheimnisvoll, sondern auch auf eine ganz eigene Art und Weise gruselig.

Eine faszinierende Lektüre, die ich aber teils auch als verstörend und nur schwer verständlich empfunden habe.

3 thoughts on “[Kurzrezensionen] Von einer Perle, einer Seereise und rätselhaften Eulen

  1. Sali, Neyasha.
    Anmerkenswerterweise erging es Dir, mit "Der Perle", ganz ähnlich wie Sam mit Ihrem Ishiguro-Roman.
    Vermutlich müssen Geschichten gelegentlich der Art wirken, um zu wirken.

    Zum Buch von Michael Ondaatje könnte man/frau jetzt auch meinen, der Autor habe hier seine Ideen- & Skizzen-Lade einmal durchforstet. Resultat: Das obige Destilat.
    Vermutlich bezeichnend für die Fünfziger, daß Südamerika nicht mehr der Sehnsuchtsort für europäische Auswanderer ist.

    Über fremde Mythen, in nicht der eigenen Muttersprache, zu lesen ist nachvollziehbar eine Herausforderung. Garner soll extra für die Erarbeitung des Romans Walisisch erlernt haben.

    Offensichtlich, Du kommst wieder häufiger zum Lesen. 🙂

    bonté

    1. Michael Ondaatje ist selbst als Kind von Sri Lanka nach London ausgewandert (hat also genau jene Schiffsreise gemacht wie sein Protagonist. Der Roman ist zwar nicht direkt autobiografisch, beruht aber sicher stark auf seinen eigenen Erfahrungen. Vermutlich ist er deshalb so episodisch.

      Zum Lesen komme ich dieses Jahr eigentlich eh recht viel, mein Problem ist eher, dass ich nicht zum Rezensionen schreiben komme. 😉

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